Mit anderen Ausnahmeathleten hatte ich dieses Problem nie.
Nicht mit Muhammad Ali.
Nicht mit Lionel Messi.
Ihre Dominanz machte ihre Sportarten nicht weniger spannend.
Pogačar dagegen schafft etwas, das nur ganz wenige können:
Er gewinnt so überzeugend, dass man sich manchmal fragt, ob das Rennen überhaupt noch offen ist.
Genau dieses Gefühl blieb nach seiner Demonstration auf der sechsten Etappe.
Es war spektakulär zu sehen, wie er sich von Jonas Vingegaard am Col du Tourmalet distanzierte.
Gleichzeitig hatte man das ungute Gefühl:
Mit noch mehr als zwei Wochen Tour vor uns könnte der Kampf um Gelb bereits entschieden sein.
Ein Presseverantwortlicher eines Teams brachte es im Ziel trocken auf den Punkt:
„Können wir jetzt alle nach Hause fahren?“
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Ist die Tour tatsächlich schon entschieden?
Nach sechs Etappen spricht vieles dafür.
Pogačar führt die Gesamtwertung inzwischen mit 2:42 Minuten Vorsprung auf Vingegaard (Visma-Lease a Bike) an.
Dahinter folgt sein Teamkollege Isaac del Toro mit 3:27 Minuten Rückstand.
Remco Evenepoel (Red Bull-BORA-hansgrohe) liegt weitere drei Sekunden dahinter.
Juan Ayuso (Lidl-Trek) folgt mit 3:34 Minuten Rückstand.
Kurz gesagt:
Pogačar hat sich in eine nahezu perfekte Ausgangsposition gebracht.
Besonders bitter für Vingegaard:
Sein Abstand zu Rang drei ist inzwischen kleiner als sein Rückstand auf Platz eins.
Nach dem Rennen zeigte sich der Däne entsprechend enttäuscht.
„Natürlich bin ich enttäuscht. Das muss ich auch sein. Aber manchmal läuft es eben so. Ändern kann ich es nicht.“
Der Moment, in dem das Rennen kippte
Den entscheidenden Angriff bereitete einmal mehr Isaac del Toro vor.
Fünf Kilometer vor der Passhöhe des legendären Col du Tourmalet erhöhte der junge Mexikaner das Tempo.
Sofort entstand eine Lücke.
Etwa 500 Meter später setzte Pogačar selbst nach.
Vingegaard hielt den Rückstand zunächst erstaunlich konstant.
Zehn.
Elf.
Zwölf Sekunden.
Doch zwei Kilometer vor dem Gipfel, dort, wo die Steigung noch einmal richtig zulegte, begann der Däne sichtbar einzubrechen.
Auf der Passhöhe betrug der Vorsprung bereits 30 Sekunden.
Bis zum Beginn des Schlussanstiegs waren daraus 1:11 Minuten geworden.
Im Ziel schließlich stoppte die Uhr bei 2:38 Minuten.
Eine kleine Ewigkeit.
Vingegaard gibt sich kämpferisch
Der Däne analysierte die Niederlage nüchtern.
„Sie haben am Tourmalet enorm Druck gemacht und ich konnte nicht folgen. Danach musste ich mein eigenes Tempo fahren. Oben war der Abstand noch überschaubar. Aber die lange Abfahrt liegt mir einfach nicht besonders. Es war ein harter Tag. Sicher nicht der Tag, den ich mir gewünscht habe. Trotzdem glaube ich weiter an mich. Ich bin überzeugt, dass meine Beine im Verlauf der Tour noch besser werden. Der Kampf ist noch nicht vorbei.“
Vielleicht hat er recht.
Vielleicht ist der Kampf tatsächlich noch offen.
Das Rennen allerdings?
Ohne Sturz oder Krankheit spricht inzwischen nur noch wenig dagegen, dass Pogačar auf dem Weg zu seinem fünften Tour-Sieg ist.
„Wenn der Anstieg einen Kilometer länger gewesen wäre…“
Pogačar selbst sprach nach der Etappe von einem seiner schönsten Siege.
„Das ist ganz sicher einer meiner größten Erfolge. Schon gestern im Teambus haben wir nur noch über diese Etappe gesprochen. Heute Morgen war ich unglaublich aufgeregt. Das ganze Team war voller Energie. Wir haben beschlossen, alles zu riskieren. Nach dem Motto: Wenn wir explodieren, dann eben gemeinsam. Zum Glück hat es funktioniert.“
Interessant war allerdings seine Einschätzung zum entscheidenden Angriff.
Denn auch der Slowene bewegte sich offenbar am Limit.
„Wenn der Anstieg einen Kilometer länger gewesen wäre, wäre ich wahrscheinlich selbst explodiert. Aber für Jonas war er offenbar ebenfalls etwas zu lang. Irgendwann fährt man einfach zu tief in den roten Bereich.“
Das Gelbe Trikot wechselt erneut den Besitzer
Noch vor dieser Etappe lag Pogačar in der Gesamtwertung zeitgleich mit Vingegaard.
Das Gelbe Trikot trug allerdings Torstein Træen.
Der Norweger hatte sich auf Etappe vier als Teil einer großen Ausreißergruppe die Führung gesichert.
Sein Abenteuer endete jedoch ausgerechnet am Tourmalet.
Nach einem Sturz auf der Abfahrt musste Træen die Tour später mit einer gebrochenen Rippe aufgeben.
Selbst ohne den Sturz hätte er Gelb verloren.
Zum Zeitpunkt seines Unfalls lag er bereits fast acht Minuten hinter Pogačar.
Ein historischer Moment für Uno-X
Trotz seines bitteren Ausscheidens bleibt Træens Leistung bemerkenswert.
Es war das erste Gelbe Trikot überhaupt für ihn und gleichzeitig auch für Uno-X Mobility.
Der Norweger sagte anschließend:
„Es bedeutet unglaublich viel. Die Tour ist das größte Radrennen der Welt. Schon allein hier starten zu dürfen, ist etwas Besonderes.“
Auch Teamchef und Ex-Weltmeister Thor Hushovd zeigte sich stolz.
„Für uns ist das ein riesiger Moment. Wir verfolgen ein besonderes Konzept. Wir setzen ausschließlich auf norwegische und dänische Fahrer und verfügen über deutlich weniger Budget als viele Konkurrenzteams. Umso schöner ist es, die Tour de France anzuführen.“
Pedersen feiert das perfekte Comeback
Während Pogačar die Berge dominierte, sorgte Mads Pedersen wenige Tage zuvor auf Etappe vier für seinen eigenen emotionalen Moment.
Nach seinem schweren Sturz im Frühjahr feierte der Däne endlich wieder einen Sieg.
Seinen ersten seit rund 300 Tagen.
„Das war ein Meisterwerk der Teamarbeit. Auf dem letzten Anstieg habe ich wirklich gelitten. Aber Quinn Simmons und Mathias Vacek haben mich perfekt unterstützt. Ab dort waren sie einfach Maschinen. Dieser Sieg gehört dem gesamten Team.“
Auch Kooij meldet sich zurück
Nicht nur Pedersen feierte bei dieser Tour sein Comeback.
Auch Olav Kooij meldete sich eindrucksvoll zurück.
Der Niederländer gewann die fünfte Etappe souverän und feierte damit seinen ersten Tour-Etappensieg überhaupt.
Eine Virusinfektion hatte seine erste Saison bei Decathlon CMA CGM monatelang ausgebremst.
Umso größer war die Erleichterung.
„Nach den schweren ersten Tagen mussten wir auf unsere Chance warten. Gleich den ersten Sprint zu gewinnen, ist unglaublich. Ich hatte einen schwierigen Frühling. Irgendwann braucht man einfach Menschen, die weiter an einen glauben.“
Im hektischen Finale behielt Kooij die Ruhe.
Ein Sturz fünf Kilometer vor dem Ziel hatte zahlreiche Sprintzüge auseinandergerissen und sogar Vingegaard zu einem Radwechsel gezwungen.
Davon ließ sich der 24-Jährige jedoch nicht beeindrucken.
Ergebnisse der 6. Etappe (Pau – Gavarnie-Gèdre, 186,2 km)
| Platz | Fahrer | Team | Zeit |
|---|---|---|---|
| 1 | Tadej Pogačar | UAE Team Emirates–XRG | 4:32:07 |
| 2 | Jonas Vingegaard | Visma–Lease a Bike | +2:38 |
| 3 | Isaac del Toro | UAE Team Emirates–XRG | +2:57 |
| 4 | Remco Evenepoel | Red Bull–BORA–Hansgrohe | gleiche Zeit |
| 5 | Paul Seixas | Decathlon CMA CGM | gleiche Zeit |
| 6 | Florian Lipowitz | Red Bull–BORA–Hansgrohe | gleiche Zeit |
| 7 | Juan Ayuso | Lidl-Trek | gleiche Zeit |
| 8 | Mattias Skjelmose | Lidl-Trek | gleiche Zeit |
| 9 | Lenny Martinez | Bahrain Victorious | +3:02 |
| 10 | Sepp Kuss | Visma–Lease a Bike | +3:06 |
Gesamtwertung nach Etappe 6
| Platz | Fahrer | Rückstand |
|---|---|---|
| 1 | Tadej Pogačar | – |
| 2 | Jonas Vingegaard | +2:42 |
| 3 | Isaac del Toro | +3:27 |
| 4 | Remco Evenepoel | +3:30 |
| 5 | Juan Ayuso | +3:34 |
| 6 | Paul Seixas | +3:55 |
| 7 | Florian Lipowitz | +4:00 |
| 8 | Lenny Martinez | +4:21 |
| 9 | Mattias Skjelmose | +4:57 |
| 10 | Mathias Vacek | +7:10 |