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Hat Vingegaard einen Masterplan – oder ist Pogačar längst der Strippenzieher der Tour?

Von Siegfried Mortkowitz

Bei dieser Tour de France passiert gerade etwas Merkwürdiges. Und nein, damit sind weder die drückende Hitze noch die Waldbrände gemeint, die leider inzwischen fast schon zum sommerlichen Hintergrundrauschen gehören. Gemeint ist etwas anderes: Nach den Siegen von Tadej Pogačar und UAE Team Emirates–XRG auf den Etappen zwei und drei erklären manche Kommentator*innen die Tour bereits für entschieden. Dem Slowenen könne man das fünfte Gelbe Trikot eigentlich sofort überreichen.

Genau diese Stimmung war nach den ersten Etappen unter anderem bei TNT Sports zu hören.

Nachdem Pogačar zunächst seinem Teamkollegen Isaac del Toro den Etappensieg schenkte und dieser am folgenden Tag den Gefallen erwiderte, indem er den Weltmeister perfekt für den Sprint vorbereitete, schien für manche Beobachter die Sache klar.

Pogačar werde fünf oder sechs Etappen gewinnen.

Jonas Vingegaard sei bereits „auf allen vieren unterwegs“.

Eine steile These.

Vor allem nach gerade einmal drei Etappen.

Ist Vingegaard wirklich schon am Limit?

Wie viele andere neige auch ich dazu, Expert*innen zu glauben, wenn sie ihre Einschätzungen mit großer Überzeugung vertreten.

Ganz gleich, ob es darum geht, wie Erdbeeren am besten gewaschen werden, welche Ernährung angeblich ein hundertjähriges Leben garantiert oder was eine bestimmte Etappe für den weiteren Rennverlauf bedeutet.

Trotzdem habe ich mir die Schlusskilometer der zweiten und dritten Etappe noch einmal angesehen.

Einfach, weil ich nicht glauben konnte, dass ein Fahrer wie Jonas Vingegaard nach zwei Etappen einer dreiwöchigen Rundfahrt bereits am Ende sein soll.

Und ehrlich gesagt:

Ich habe nichts gefunden, was diese Theorie stützt.

Im Gegenteil.

Vingegaard wirkte keineswegs erschöpft.

Auf beiden Etappen fuhr er den Schlussabschnitt kontrolliert im Hinterrad von Pogačar.

Er folgte ihm.

Mehr nicht.

Auch nach dem Ziel sah der Däne weder ausgepumpt noch angeschlagen aus.

Er wirkte erstaunlich entspannt.

Selbst nachdem er auf Etappe zwei Vierter geworden war und auf Etappe drei das Gelbe Trikot an seinen Rivalen verloren hatte.

„Das ist einfach nicht meine Spezialität“

Nach der zweiten Etappe erklärte Vingegaard selbst:

„Der Sprint am Ende war extrem explosiv. Das ist eine hochintensive Belastung und ehrlich gesagt nicht meine größte Stärke. Deshalb bin ich mit dem Ergebnis eigentlich ziemlich zufrieden.“

Anschließend sagte er noch etwas Bemerkenswertes:

„Ich genieße jeden Tag im Gelben Trikot. Aber irgendwann kann es taktisch durchaus sinnvoll sein, das Trikot auch wieder abzugeben.“

Etwas Komisches passiert bei der 2026 Tour. © Profimedia

Genau deshalb dürfte er auf der dritten Etappe ebenfalls keinen übermäßigen Aufwand betrieben haben.

Stattdessen überraschte er mit einer bemerkenswert großzügigen Reaktion auf Pogačars Geste gegenüber Isaac del Toro.

„Ich finde, Tadej ist ein großartiger Mensch. Es ist sehr großzügig von ihm, einem Teamkollegen den Etappensieg zu überlassen. Andererseits hat Isaac den Sieg absolut verdient. Er ist ein riesiges Talent und unglaublich stark. Beide sind ein beeindruckendes Rennen gefahren.“

Klingt das nach einem Fahrer, der nervös wird?

Kaum.

Das klingt eher nach jemandem, der ziemlich genau weiß, was er tut.

Wer spielt hier eigentlich die Psychospielchen?

Interessant ist auch der unterschiedliche Umgang der beiden Teams mit ihren Erfolgen.

Nach dem Auftaktsieg im Mannschaftszeitfahren feierte Visma–Lease a Bike ausgelassen.

Kein Wunder.

Es war das erste Gelbe Trikot des Teams seit Vingegaards Tour-Sieg 2023.

Wenn die Tour de France, wie Chris Froome einmal sagte, der „Heilige Gral des Radsports“ ist, dann sind solche Emotionen mehr als verständlich.

Pogačar und del Toro nahmen diese Jubelszenen nach ihrem eigenen Erfolg demonstrativ auf die Schippe und imitierten die Feier der Visma-Profis.

Das wirkte ungewöhnlich.

Fast schon ein wenig kindisch.

Denn eigentlich ist Pogačar nicht dafür bekannt, sich von solchen Dingen provozieren zu lassen.

Hat UAE vielleicht doch mehr investiert als nötig?

Eine andere Frage drängt sich ebenfalls auf.

Warum investierte UAE auf der dritten Etappe so viel Energie?

Eigentlich war das ein Tag, an dem eine starke Ausreißergruppe durchaus gute Chancen gehabt hätte.

Stattdessen mobilisierte UAE nahezu das komplette Team, um den Etappensieg zu kontrollieren.

Möglicherweise wollte Pogačar einfach zeigen, dass die Niederlage im Mannschaftszeitfahren nur ein Ausrutscher war.

Vielleicht fühlte sich das Team durch den Visma-Erfolg sogar zusätzlich motiviert.

Oder steckt doch mehr dahinter?

Vielleicht wollte UAE bewusst ein Zeichen setzen.

Vielleicht sogar ein kleines psychologisches Spiel beginnen.

Visma verfolgt offenbar einen anderen Plan

Mindestens genauso spannend war allerdings das, was nicht passierte.

Während UAE nahezu alle Leistungsträger an der Spitze des Feldes einsetzte, hielt sich Visma auffällig zurück.

Neben Sepp Kuss war kaum einer der wichtigsten Helfer vorne zu sehen.

Fahrer wie Davide Piganzoli oder Matteo Jorgenson blieben meist weiter hinten im Peloton und sparten Kräfte.

Zufall?

Wohl kaum.

Visma verfolgt offenbar den klassischen Ansatz für eine dreiwöchige Rundfahrt:

Keine Energie in unwichtigen Situationen verschwenden.

Kräfte für die entscheidenden Tage aufheben.

Die Tour beginnt erst in den Bergen

Und genau dort dürfte diese Tour entschieden werden.

Mit insgesamt 54.450 Höhenmetern gehört die Ausgabe 2026 zu den anspruchsvollsten der vergangenen Jahre.

Zum Vergleich:

  • 2024: 52.230 Höhenmeter
  • 2025: 51.550 Höhenmeter
  • 2026: 54.450 Höhenmeter

Besonders brutal wird das Finale.

Allein auf den Etappen 19 und 20 warten rund 9.000 Höhenmeter.

Die Schlussetappe bringt es sogar auf rund 5.450 Höhenmeter.

Genau dort dürfte sich entscheiden, wer Paris im Gelben Trikot erreicht.

Nicht unbedingt auf einer frühen Etappe in Barcelona.

Nicht nach drei Tagen.

Und wahrscheinlich auch nicht danach, wer unterwegs die meisten Etappensiege sammelt.

Drei Wochen sind eine verdammt lange Zeit

Sollte Vingegaard tatsächlich wieder seine Bestform erreicht haben, wie er selbst behauptet, dann bleibt diese Tour völlig offen.

Zumindest solange, bis sie es eben nicht mehr ist.

Nach drei Etappen bereits einen Gesamtsieger auszurufen, wirkt deshalb reichlich voreilig.

Das ist ungefähr so, als würde man nach zwei Regentagen den Wetterbericht für die nächsten drei Wochen schreiben.

Natürlich kann diese Prognose am Ende trotzdem stimmen.

Aber sicher ist sie deshalb noch lange nicht.

Oder, um es mit Mike Tyson zu sagen:

„Jeder hat einen Plan. Bis er den ersten Schlag ins Gesicht bekommt.“

Vielleicht gilt das auch für die Tour de France 2026.