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Vingegaard in Gelb – doch Pogačar hat nach Etappe 2 das Momentum auf seiner Seite

Von Siegfried Mortkowitz

Jonas Vingegaard und Visma–Lease a Bike haben bei der 113. Tour de France den ersten Wirkungstreffer gelandet. Mit einer nahezu perfekten Vorstellung im Mannschaftszeitfahren auf der Auftaktetappe sicherte sich das niederländische Team den Tagessieg. Vingegaard krönte die Leistung mit einem starken Schlussanstieg und durfte erstmals seit seinem Tour-Sieg 2023 wieder das Gelbe Trikot überstreifen. Gleichzeitig schrieb der Däne ein kleines Stück Radsportgeschichte. Als erster Fahrer seit Miguel Induráin im Jahr 1992 gewann er nach einem Giro-Sieg auch die erste Etappe der Tour de France.

Damals folgte bekanntlich der seltene Giro-Tour-Doppelsieg.

Genau dieses Kunststück möchte Vingegaard nun wiederholen.

Für Tadej Pogačar verlief der Auftakt dagegen etwas weniger erfolgreich. Sein Team UAE Team Emirates–XRG belegte Rang drei und verlor zwölf Sekunden zu Visma. Zwischen beiden Teams schob sich Netcompany INEOS, angeführt vom überragenden Filippo Ganna, mit vier Sekunden Rückstand auf den Tagessieg.

Neues Reglement sorgt für maximale Offensive

Das Mannschaftszeitfahren wurde in diesem Jahr nach einem neuen Modus ausgetragen.

Anders als früher musste keine Mindestanzahl an Fahrer*innen gemeinsam die Ziellinie überqueren. Ausschlaggebend war ausschließlich die Zeit des ersten Fahrers eines Teams.

Zusätzlich erhielt jede Fahrerin und jeder Fahrer eine individuelle Zielzeit für die Gesamtwertung.

Die Folge:

Die Klassementfahrer konnten auf den Schlussanstiegen Vollgas fahren, ohne Rücksicht auf Teamkollegen nehmen zu müssen.

Ein Konzept, das für deutlich offensiveres Racing sorgte.

Gelb bedeutet Vingegaard alles

Nach der Etappe zeigte sich Vingegaard sichtlich bewegt.

„Wieder das Gelbe Trikot zu tragen, ist ein Traum. Für mich ist das das Wichtigste überhaupt. Ich habe in den vergangenen drei Jahren davon geträumt.“

Besonders emotional wurde es, als der Däne auf seinen schweren Sturz bei der Itzulia im Jahr 2024 zurückblickte.

„Ich hatte in den vergangenen Jahren schwierige Momente. Jetzt habe ich das Gefühl, dieses Kapitel endlich abschließen zu können. Natürlich wird es immer Teil meiner Geschichte bleiben. Damals lag ich am Boden und dachte, ich würde sterben. Von dort wieder hierherzukommen, bewegt mich sehr.“

Evenepoel verliert früh Boden

Weniger zufrieden dürfte Remco Evenepoel gewesen sein.

Red Bull–BORA–Hansgrohe belegte Rang fünf und verlor bereits 19 Sekunden.

Juan Ayuso und Lidl-Trek landeten mit 16 Sekunden Rückstand direkt davor auf Platz vier.

Damit lagen vier der fünf großen Favoriten nach dem Auftakt lediglich 19 Sekunden auseinander.

Der erst 19-jährige Paul Seixas (Decathlon CMA CGM) verlor zwar 39 Sekunden auf Vingegaard, überzeugte jedoch mit einer starken Solo-Leistung auf den letzten 2,5 Kilometern und hielt den Rückstand in Grenzen.

Zwei Teams, zwei unterschiedliche Strategien

Der 19,3 Kilometer lange Kurs durch Barcelona verlangte eine clevere Einteilung der Kräfte.

Vor allem die beiden anspruchsvollen Schlussanstiege machten taktische Entscheidungen entscheidend.

Visma und UAE wählten nahezu identische Strategien.

Beide Teams schonten ihre Kapitäne auf den flachen Abschnitten möglichst lange und setzten sie erst an den Anstiegen voll ein.

Vingegaard wurde von Davide Piganzoli perfekt in Position gebracht.

Pogačar erhielt dieselbe Unterstützung von Isaac del Toro.

Ganz anders agierten Filippo Ganna und Remco Evenepoel, die bereits auf den flachen Passagen große Teile der Führungsarbeit selbst übernahmen.

Piganzoli setzte Vingegaard mit rund 15 Sekunden Vorsprung auf Pogačar in den Schlussanstieg.

Der Däne verteidigte den Großteil dieses Vorsprungs bis ins Ziel.

Dennoch gab es für Pogačar einen kleinen Erfolg.

Auf den letzten 860 Metern des Anstiegs war er drei Sekunden schneller als Vingegaard und übernahm dadurch die Führung in der Bergwertung.

Das Gepunktete Trikot durfte er deshalb auf der zweiten Etappe tragen.

Mit einem Grinsen kommentierte er anschließend:

„Die gute Nachricht ist: Ich habe Kletterbeine.“

Und ergänzte:

„Der Anstieg war zwar kurz, aber die Beine fühlen sich wirklich gut an. Die Form stimmt und ich hoffe, dass das so bleibt. Wir können mit dem heutigen Tag zufrieden sein und freuen uns auf das, was kommt.“


Pogačar schlägt zurück

Die zweite Etappe entwickelte sich überraschend früh zu einem echten Härtetest.

Der längere Anstieg zur Côte de Begues stellte die Klassementfahrer noch nicht vor größere Probleme.

Ganz anders sah es auf den drei Überquerungen des Château de Montjuïc aus.

1,6 Kilometer mit durchschnittlich 9,3 Prozent Steigung.

Die letzten 400 Meter sogar fast 14 Prozent.

Alles sprach für eine Attacke von Pogačar.

Sie kam jedoch nicht.

Zumindest nicht dort.

Angriff auf der Abfahrt

Stattdessen überraschte Mattias Skjelmose auf der Abfahrt mit einer Attacke.

Der Däne fuhr für Teamkollege Juan Ayuso und sorgte kurzfristig für Unruhe.

Isaac del Toro reagierte sofort und schloss die Lücke.

Direkt dahinter folgten Pogačar, Vingegaard und Evenepoel.

 

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Kurz darauf übernahm UAE endgültig die Kontrolle.

Del Toro setzte sich zunächst allein ab.

Pogačar schloss auf.

Vingegaard musste schließlich abreißen lassen.

Evenepoel versuchte noch einmal zu sprinten, kam jedoch ebenfalls nicht mehr vorbei.

Unmittelbar vor der Ziellinie schenkte Pogačar seinem jungen Teamkollegen den Etappensieg.

Für den erst 22-jährigen Mexikaner war es der erste Tour-Etappensieg seiner Karriere.

Und das bei seiner allerersten Tour de France.

Pogačar wurde Zweiter.

Evenepoel Dritter.

Vingegaard musste sich mit Rang vier begnügen.

Alle vier erhielten allerdings dieselbe Zeit.

Das Klassement rückt zusammen

Durch den zweiten Platz verkürzte Pogačar seinen Rückstand in der Gesamtwertung auf nur noch sechs Sekunden.

Der Stand nach zwei Etappen:

Platz Fahrer Rückstand
1 Jonas Vingegaard
2 Tadej Pogačar +0:06
3 Remco Evenepoel +0:15
4 Isaac del Toro +0:16
5 Juan Ayuso +0:19
6 Paul Seixas +0:42

Obwohl Vingegaard weiterhin Gelb trägt, hat sich das Kräfteverhältnis leicht verschoben.

Das Momentum liegt plötzlich wieder auf Seiten von UAE Team Emirates–XRG.

Der große Tag von Isaac del Toro

Der eigentliche Held der Etappe war jedoch Isaac del Toro.

Dabei begann sein Tag alles andere als ideal.

Nach einem Defekt verlor der Mexikaner rund zwei Minuten, weil es zunächst Verwirrung um sein Ersatzrad gab.

Trotz dieser Aufholjagd bei Temperaturen von bis zu 38 Grad gewann er am Ende die Etappe.

Erst der zweite mexikanische Tour-Etappensieg überhaupt.

Entsprechend emotional fiel seine Reaktion aus.

„Das bedeutet mir einfach alles. Wir haben unglaublich hart gearbeitet, um hierherzukommen. Dieser Erfolg gehört dem gesamten Team, meiner Familie und meinen Freunden. Ich kann es kaum glauben.“

Zur entscheidenden Szene sagte er:

„Ich wollte zu Skjelmose aufschließen. Tadej und ich hatten vorher einen Plan und genau den haben wir umgesetzt. Am Ende war der Vorsprung sogar größer als gedacht und ich konnte die Etappe gewinnen.“

Besonders dankbar zeigte sich del Toro gegenüber seinem Teamkapitän.

„Ihr könnt euch nicht vorstellen, was das für mich bedeutet. Wenn der beste Fahrer der Welt dir den Sieg ermöglicht, vergisst du das nie. Tadej ist einfach unglaublich.“

Momentum statt Gelb

Während Visma am Samstag nahezu fehlerfrei unterwegs war, dominierte am Sonntag UAE.

Vor allem Brandon McNulty bereitete mit seinem enormen Tempo auf den Anstiegen den entscheidenden Angriff perfekt vor.

Selbst Vingegaard schien am Ende die Frische zu fehlen.

Nach nur zwei Etappen ist eines bereits klar:

Visma hat das Gelbe Trikot.

UAE Team Emirates–XRG besitzt aktuell das Momentum.

Und bis Paris liegen noch fast drei Wochen voller Möglichkeiten vor.


Ergebnisse der 2. Etappe (Tarragona – Barcelona, 168,5 km)

Platz Fahrer Team Zeit
1 Isaac del Toro UAE Team Emirates–XRG 3:40:01
2 Tadej Pogačar UAE Team Emirates–XRG gleiche Zeit
3 Remco Evenepoel Red Bull–BORA–Hansgrohe gleiche Zeit
4 Jonas Vingegaard Visma–Lease a Bike gleiche Zeit
5 Mattias Skjelmose Lidl-Trek +0:03
6 Tobias Halland Johannessen Uno-X Mobility gleiche Zeit
7 Romain Grégoire Groupama–FDJ United gleiche Zeit
8 Lenny Martinez Bahrain Victorious gleiche Zeit
9 Paul Seixas Decathlon CMA CGM gleiche Zeit
10 Tom Pidcock Pinarello Q36.5 gleiche Zeit

Gesamtwertung nach Etappe 2

Platz Fahrer Rückstand
1 Jonas Vingegaard
2 Tadej Pogačar +0:06
3 Remco Evenepoel +0:15
4 Isaac del Toro +0:16
5 Juan Ayuso +0:19
6 Paul Seixas +0:42
7 Romain Grégoire +0:44
8 Florian Lipowitz +0:45
9 Lenny Martinez +0:53
10 Tom Pidcock +1:00