Der Kapitän von Visma–Lease a Bike reist nach Siegen beim Giro d’Italia, bei Paris–Nizza und der Volta a Catalunya zur Tour de France. Doch anstatt den Giro-Tour-Doppelpack als körperlichen Kraftakt darzustellen, beschreibt er ihn als echten Gewinn.
Der Giro habe ihn nicht ausgelaugt.
Er habe ihn stärker gemacht.
„Ohne die Leistung der Konkurrenz beim Giro schmälern zu wollen: Ich musste dort nicht komplett ans Limit gehen. Ich bin nicht völlig erschöpft aus dem Giro herausgekommen.“
Genau dieser Satz könnte rückblickend einer der wichtigsten seiner gesamten Tour-Vorbereitung sein.
Der schmale Grat zwischen Giro und Tour
Der Giro-Tour-Doppelpack gilt seit Jahrzehnten als eine der schwierigsten Herausforderungen im Profiradsport.
Wer im Mai alles investiert, bezahlt dafür oft im Juli.
Wer dagegen zu vorsichtig fährt, riskiert den Giro-Sieg.
Vingegaard ist überzeugt, diesmal die richtige Balance gefunden zu haben.
„Dadurch kann man sich schneller erholen und früher wieder gezielt trainieren. Wenn man nach dem Giro völlig am Ende ist, braucht man zwei Wochen oder sogar länger, bis man wieder vernünftig arbeiten kann.
Dann wird es schwierig, sich optimal auf die Tour vorzubereiten, weil sie praktisch schon vor der Tür steht. Ich konnte dagegen schnell wieder ins Training einsteigen und gezielt auf die Tour hinarbeiten.“
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Ruhig formuliert. Deutlich gemeint.
Typisch Vingegaard.
Keine großen Gesten.
Keine Kampfansagen.
Seine Aussagen wirken sachlich und beinahe nüchtern.
Zwischen den Zeilen steckt allerdings eine klare Botschaft an die Konkurrenz.
Er reist nicht als Giro-Sieger an, der hofft, im Verlauf der Tour wieder frische Beine zu bekommen.
Er glaubt, diesen Schritt längst gemacht zu haben.
Ein neuer Weg statt Routine
Interessant ist auch, warum Visma–Lease a Bike den Saisonaufbau überhaupt verändert hat.
Der Giro stand nicht nur deshalb auf dem Programm, weil Vingegaard seine Sammlung vervollständigen wollte.
Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre hatte das Team das Gefühl, dass die bisherige Vorbereitung ihren Reiz verloren hatte.
„Wir wollten bewusst etwas Neues ausprobieren. Nach der vergangenen Saison hatten wir das Gefühl, dass sich unser bisheriger Ablauf einfach nicht mehr richtig gut angefühlt hat.
Deshalb haben wir die Vorbereitung auf die Tour verändert. Und das hat in diesem Jahr wirklich hervorragend funktioniert.
Ich fühle mich bereit für dieses Rennen und freue mich riesig darauf. Bisher war es eine fantastische Saison und ich hoffe natürlich, dass sie genauso weitergeht.“
Vor allem ein Wort fällt auf:
Freude.
Nicht viele Anwärter auf den Tour-Sieg sprechen wenige Tage vor dem Start darüber, wie viel Spaß ihnen die Saison macht.
Normalerweise dominieren Vorsicht, Druck und taktische Zurückhaltung.
Bei Vingegaard klingt das anders.
Er spricht nicht nur über Ergebnisse.
Er spricht darüber, wie sehr ihm das Radfahren wieder Freude bereitet.
„Ich bin besser. Ich bin stärker.“
Dann folgt die wohl deutlichste Aussage seiner gesamten Pressekonferenz.
„Ich bin besser und stärker. Ich würde sogar sagen, dass ich mich mental glücklicher fühle. Ich bin gerade an einem richtig guten Punkt. Es war bisher ein sehr gutes Jahr für mich und ich habe das Radfahren deutlich mehr genossen als vergangenes Jahr.“
Genau das dürfte seine Konkurrenten aufhorchen lassen.
Ein stärkerer Vingegaard ist bereits eine Herausforderung.
Ein stärkerer und mental entspannter Vingegaard könnte noch gefährlicher sein.
Schließlich hat er in dieser Saison bereits drei bedeutende Rundfahrten gewonnen.
Der Giro-Titel steht bereits in seiner Vita.
Der Druck, seine Saison unbedingt mit einem großen Erfolg krönen zu müssen, ist damit deutlich geringer.
Paradoxerweise könnte genau das seine größte Stärke sein.
Der Giro war nur der Anfang
Auch deshalb blickt der Däne erstaunlich gelassen auf die Tour.
„Ich hatte bisher mit den drei Rundfahrten, die ich gefahren bin, bereits eine sehr erfolgreiche Saison. Das nimmt sowohl mir als auch dem Team etwas Druck.
Trotzdem bleibt die Tour de France das größte Rennen überhaupt. Natürlich freue ich mich riesig über alles, was ich in diesem Jahr bereits gewonnen habe, besonders über den Giro d’Italia und darüber, dass ich inzwischen alle drei Grand Tours gewonnen habe.
Aber die Tour bleibt das wichtigste Rennen des Jahres. Und ich bin hier, um sie zu gewinnen.“
Klarer lässt sich ein Ziel kaum formulieren.
Keine Ausflüchte.
Keine vorsichtige Wortwahl.
Keine Absicherung.
Jonas Vingegaard ist nicht nach Frankreich gereist, um seinen Giro-Sieg zu feiern.
Er ist auch nicht hier, um eine ohnehin schon erfolgreiche Saison entspannt ausklingen zu lassen.
Er will die Tour de France gewinnen.
Und sollte seine Einschätzung stimmen, könnte das Peloton in den kommenden drei Wochen auf die bislang stärkste Version des Dänen treffen.
Eine Version, die Rosa bereits gewonnen hat.
Gelb unbedingt noch gewinnen will.
Und den Juli keineswegs als Zugabe betrachtet.



