Der legendäre Lauf am Mont Ventoux
Vier Gesamtsiege bei der Tour de France, zwei Erfolge bei der Vuelta a España und ein Triumph beim Giro d’Italia: Chris Froome gehört zu den erfolgreichsten Grand-Tour-Fahrern der modernen Radsportgeschichte. Zwischen 2013 und 2018 dominierte er gemeinsam mit Team Sky den Profi-Radsport in einer Weise, wie es heute vielleicht nur UAE Team Emirates–XRG gelingt.
Fragt man Radsportfans jedoch nach dem prägendsten Moment seiner Karriere, fällt oft nur ein einziges Wort:
Ventoux.
Gemeint ist die mittlerweile legendäre Szene auf der 12. Etappe der Tour de France 2016. Auf den Hängen des Mont Ventoux, dem „Giganten der Provence“, kam es nach einem Stau hinter einem TV-Motorrad zum Unfall. Froome stürzte, sein Rad war zerstört und das Ziel lag nur noch rund einen Kilometer entfernt.
Da das Teamfahrzeug weit zurücklag und er im Gesamtklassement lediglich 25 Sekunden Vorsprung auf Adam Yates hatte, traf er eine spontane Entscheidung: Er begann, den Berg zu Fuß hinaufzulaufen.
Im exklusiven Interview mit Škoda We Love Cycling blickt Froome heute mit gemischten Gefühlen auf diesen Moment zurück.
„Heute kann ich darüber deutlich mehr lachen. Damals war daran überhaupt nicht zu denken. Es war einfach pures Chaos.“
Als ihm klar wurde, dass sein Rad nicht mehr fahrbereit war, wusste er sofort, dass Ersatz nicht schnell genug eintreffen würde.
„Unser Teamauto befand sich hinter all den Fahrern, die wir zuvor bereits distanziert hatten. Also wollte ich zumindest so nah wie möglich am Ziel sein, wenn endlich ein Ersatzrad kommt. Und die einzige Möglichkeit war, loszulaufen. Ich konnte das Gelbe Trikot einfach nicht verlieren.“
Am Ende erhielt Froome doch noch ein Ersatzrad und erreichte das Ziel zwar mehr als zwei Minuten hinter Adam Yates. Die Rennjury entschied jedoch, ihm die gleiche Zeit wie Bauke Mollema gutzuschreiben, da der Zwischenfall durch äußere Umstände verursacht worden war. Dadurch blieb Froome Gesamtführender und gewann wenige Tage später seine dritte Tour de France.
Der legendäre Zwischenfall ereignete sich auf der 12. Etappe der Tour de France 2016 an den Hängen des Mont Ventoux. © Profimedia
Der erste Toursieg bleibt unvergessen
Ob der Triumph von 2016 sein schönster gewesen sei?
Für Froome lautet die Antwort eindeutig:
„Jede Tour hatte ihre besonderen Momente. Aber der erste Sieg 2013 war einfach unvergleichlich. Als Kind war es mein Traum, die Tour de France zu gewinnen. Als dieser Traum Wirklichkeit wurde, war das ein unglaubliches Gefühl. Daran kommt nichts heran.“
Auch dieser Erfolg ist eng mit dem Mont Ventoux verbunden.
Es war der französische Nationalfeiertag am 14. Juli 2013. Froome trug bereits das Gelbe Trikot und gewann die Bergankunft auf dem Mont Ventoux mit 30 Sekunden Vorsprung vor Nairo Quintana.
Doch nicht nur sportlich war dieser Tag besonders.
„Meine Frau wartete oben im Ziel. Sie war sonst nur selten bei meinen Rennen dabei. Im Gelben Trikot auf dem Mont Ventoux zu gewinnen und diesen Moment mit ihr teilen zu können, war etwas ganz Besonderes.“
Warum die Tour de France das größte Ziel bleibt
Schon früher bezeichnete Froome die Tour de France als den „Heiligen Gral des Radsports“. An dieser Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert.
„Ich möchte den anderen Grand Tours nichts wegnehmen. Aber die Tour ist einfach das größte Rennen der Welt.“
Für ihn treten dort die stärksten Teams und Fahrer an.
Außerdem kennt selbst außerhalb der Radsportszene fast jeder die Tour de France.
„Fragt man jemanden auf der Straße nach der Tour de France, kennt sie fast jeder. Selbst Menschen, die kein Radsportfan sind. Das kann man von kaum einem anderen Rennen behaupten.“
Für Profis sei deshalb klar:
„Wenn du als Profi nur ein Rennen gewinnen könntest, würdest du immer die Tour wählen. Nach drei Wochen in Paris ganz oben auf dem Podium zu stehen, ist eine unglaubliche Ehre.“
Das Gelbe Trikot bedeutet Verantwortung
Um die Tour de France zu gewinnen, braucht es weit mehr als körperliche Stärke.
Für Froome spielt vor allem die mentale Belastbarkeit eine entscheidende Rolle.
„Sobald du das Gelbe Trikot trägst, bist du der Fahrer, den alle schlagen wollen.“
Das prestigeträchtigste Trikot des Radsports sei zwar eine große Auszeichnung, gleichzeitig aber auch eine enorme Verantwortung.
„Es über drei Wochen zu verteidigen, ist alles andere als einfach.“
Je härter die Etappe, desto besser
Während viele Fahrer die brutalsten Bergetappen fürchten, empfand Froome genau dort seine größte Stärke.
„In meinen besten Jahren habe ich mir sogar gewünscht, dass die Tour noch schwerer wird.“
Gerade in den Hochgebirgen konnte er seine Stärken am besten ausspielen.
„Dort konnte ich das Rennen kontrollieren und wusste, dass nur wenige Fahrer überhaupt mithalten konnten.“
Überraschend ist dagegen, welche Etappen ihm die größten Sorgen bereiteten.
„Die flachen Etappen haben mir mehr Angst gemacht.“
Dort sei das Risiko für Stürze deutlich höher gewesen, weil das gesamte Feld eng zusammenblieb.
„In den Bergen fühlte ich mich oft sicherer. Dort waren nur noch wenige Fahrer dabei, die wirklich um den Sieg kämpfen konnten.“
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Vorbild für die nächste Generation
Froome blieb dem Profiradsport außergewöhnlich lange erhalten. Erst ein schwerer Trainingsunfall in Südfrankreich im August 2025 beendete seine Karriere endgültig.
Bei hoher Geschwindigkeit prallte er gegen einen Bordstein und anschließend frontal gegen ein Straßenschild. Er erlitt unter anderem einen lebensgefährlichen Riss des Herzbeutels, einen Bruch der Lendenwirbelsäule sowie fünf Rippenbrüche.
Damals war Froome bereits 40 Jahre alt und wollte eigentlich weiterhin Rennen fahren.
Warum also so lange weitermachen?
Zum einen begann seine Profikarriere vergleichsweise spät.
„Ich wurde erst mit 24 Profi. Deshalb habe ich mir früh das Ziel gesetzt, mindestens bis 40 Rennen zu fahren.“
Mit der Geburt seiner beiden Kinder Kellan und Katie kam ein weiterer Antrieb hinzu.
„Ich wollte ihnen ein Vorbild sein. Ich wollte, dass sie mich Rennen fahren sehen und diese Erfahrungen mit mir teilen können.“
Nur wenige Stunden nach diesem Interview gab Chris Froome offiziell das Ende seiner Karriere bekannt.
Sein Vermächtnis reicht jedoch weit über seine sieben Grand-Tour-Siege hinaus. Mit seinem Ehrgeiz, seiner Beharrlichkeit und seinem legendären Lauf am Mont Ventoux hat er Generationen von Radsportlerinnen und Radsportlern inspiriert.



