Die Tour de France hat Generationen leidenschaftlicher Radsportenthusiasten in ihren Bann gezogen, und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Einige Familien legen extra ihren Urlaub in diese Zeit.  Die Dubois’ sind so eine Familie, die nicht wenige Grand Boucles hautnah mitverfolgt hat. Louise Dubois (62) lud mich freundlicherweise zu sich nach Hause ein und erzählte mir von der Leidenschaft für die Tour, die sie mit ihrer Familie teilt.

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“Ich saß auf dem Rücksitz in der Mitte; auf der einen Seite mein Großvater, auf der anderen meine Oma. Sicherheitsgurte und Scheinwerfer gab es bei diesem Haufen Schrott nicht. Dafür hatte ich ein Baguette in der Hand, und die anderen rauchten fröhlich vor sich hin. Das wäre heute gar nicht mehr auszudenken,” erinnert sich Louise lachend an ihren allerersten Ausflug zur Tour de France.

Es war das Jahr 1964 und die Familie zeltete am Fuße des berühmten Vulkans Puy. Gleich bei ihrem allerersten Familienausflug zur Tour wurde die siebenjährige Louise Zeugin eines historischen Sieges. Jacques Anquetil, der Rockstar des Radsports, lieferte sich ein Duell mit Raymond Poulidor, dem Publikumsliebling.

 

 

Jacques Anquetil führte. Die letzte Etappe war ein Zeitfahren, bei dem Anquetil seinen Rivalen weit hinter sich ließ. Er fuhr Seite an Seite mit Poulidor und sagte später, dass er seinem Gegner nicht die Genugtuung geben wollte, ihn vor sich zu sehen. Der Kampf ging über 10 Kilometer. Am Ende gelang es Poulidor sich vor Anquetil abzusetzen. Poulidor büßte 42 Sekunden seines Vorsprungs ein, doch damit nicht genug. Ein paar Tage später gewann Anquetil die Tour und hatte damit als erster fünf legendäre Siege für sich verbucht. Wusste der großartige Taktiker, wann genau er loslassen musste? Mit Sicherheit.

“Danach waren wir noch oft bei der Tour dabei, aber nichts stellt die Erinnerung an das erste Erlebnis in den Schatten,” erzählt die Frau mit bittersüßem Lächeln.

Greg LeMond auf der Champs Elysees während der letzten Etappe der Tour de France am 23. Juli 1989. © Profimedia, AFP

Die Tour von 1989 bescherte ihrer Tochter Marie unvergessliche Erinnerungen an eine hochdramatische Etappe. “Wir lebten damals in Paris und mein Mann wollte unbedingt, dass wir hinfahren. ‘Immerhin ist es deine doofe Familientradition,’ sagte er,” schwelgt Louise glucksend in ihren Erinnerungen. Damals schien die Tour schon entschieden. Jeder dachte, dass Laurent Fignon seinen dritten Sieg einfahren würde, doch alle hatten die Rechnung ohne Greg LeMond gemacht. Er war im Zeitfahren besser; das war allseits bekannt. Aber die Etappe war über 24 Kilometer lang und viel zu kurz, um 50 Sekunden wettzumachen. Zumindest dachte das jeder.

“Ich weiß noch, wie Marie mir etwas ins Ohr brabbelte und mein Mann meinte, dass LeMond wie ein Marsmännchen aussähe. Aber er war schnell unterwegs. Er schnitt die Kurve, an der wir standen in ganz anderer Manier als die restlichen Fahrer. Er hatte definitiv nichts zu verlieren. ”

Am Ende war Fignon 58 Sekunden langsamer als LeMond und alle Zeitungen weltweit mussten ihre vorbereiteten Artikel umschreiben.

Bardet während der 19. Etappe am 22. Juli 2016 zwischen Albertville und Saint-Gervais Mont Blanc.  Profimedia, AFP

“Ich weiß noch, dass ich damals dachte, dass jeder Dubois bei seinem ersten Besuch der Tour Zeuge von etwas besonders Aufregendem wird.” 2016 treffe ich Louise wieder und die Geschichte wiederholt sich. Marie ist erwachsen und ihr kleiner Sohn verfolgt in seinem Regenmantel am Straßenrand gebannt die Ereignisse, als Romain Bardet das 19. Teilstück gewinnt. Familie Dubois lädt mich in ihren Wohnwagen ein und wir stoßen an. Sie sind sicher, dass der Franzose sich damit auf dem besten Weg zum Gesamtsieg befindet.

Heute wissen wir, dass es anders gekommen ist, aber Louise sieht Frankreich auf der Siegerstraße. “Die Franzosen müssen nur noch schnell die Geburt eines Dubois abwarten,” schmunzelt sie und zeigt mir strahlend ein Ultraschallbild. Marie ist guter Hoffnung.

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