Wenn du den Frauenradsport schon länger verfolgst, erinnerst du dich wahrscheinlich an eine Zeit, in der die großen Rennen oft vorhersehbar wirkten. Da war Annemiek van Vleuten, deren unglaublich kraftvolle Attacken am Berg sie bei jeder Rundfahrt mit schweren Bergetappen zur Favoritin machten. Da war SD Worx – ein Team, das so dominant war, dass Konkurrentinnen scherzhaft behaupteten, sie würden nicht gegen sieben, sondern gegen vierzehn Fahrerinnen antreten, weil die Mannschaft dank ihrer taktischen Möglichkeiten praktisch doppelt so stark wirkte. Und es gab eine klare Hierarchie: die etablierten Stars, die aufstrebenden Herausforderinnen – und alle anderen.
Doch kurz vor dem größten Rennen des Frauenradsports können wir mit Freude sagen: Diese Gewissheiten gehören der Vergangenheit an.
Die Tour de France Femmes avec Zwift hat sich genau zu dem Zeitpunkt zur größten Bühne des Sports entwickelt, an dem das Frauen-Peloton so tief besetzt, jung und vielseitig ist wie nie zuvor. Fahrerinnen wechseln die Teams, um eine Führungsrolle zu übernehmen, Olympiasiegerinnen kehren aus anderen Disziplinen zurück und kämpfen sofort um Grand-Tour-Erfolge, und eine neue Generation wächst heran, die von professionellen Entwicklungsstrukturen profitiert, die es vor zehn Jahren kaum gab.
Das Ergebnis: Ein Sport, der von faszinierenden Rivalitäten geprägt wird. Manche spielen sich zwischen einzelnen Fahrerinnen ab, andere zwischen völlig unterschiedlichen Rennphilosophien. Gemeinsam verändern sie die Vorstellung davon, wie Erfolg heute aussieht. Vor dem Start der Tour de France Femmes lohnt es sich deshalb, diese Duelle besonders im Blick zu behalten.
Demi Vollering gegen Lotte Kopecky: Die Trennung, die das Peloton veränderte
Wenn es eine Rivalität gibt, die den aktuellen Frauenradsport perfekt beschreibt, dann ist es die zwischen Demi Vollering und Lotte Kopecky.
Mehrere Jahre lang fuhren beide gemeinsam für SD Worx – vermutlich das stärkste Frauen-Team, das jemals zusammengestellt wurde. Zusammen gewannen sie Monumente, WorldTour-Rundfahrten und Weltmeisterschaften. Rivalinnen standen regelmäßig vor derselben Frage: Sollten sie Vollerings Attacken am Berg folgen oder Kopeckys explosiven Antritten auf flacherem Terrain?
Doch der Erfolg brachte zwangsläufig ein Problem mit sich. Beide entwickelten sich zu absoluten Teamleaderinnen.
Vollering wollte ihre Karriere konsequent auf Grand Tours ausrichten. Kopecky war nach ihrem Weltmeistertitel auf der Straße 2023 in Glasgow längst zum Gesicht des Teams geworden und etablierte sich als dominierende Klassiker-Spezialistin im Peloton.
Der wohl unangenehmste Moment ihrer gemeinsamen Zeit ereignete sich bei der Tour de France Femmes 2024. Auf der fünften Etappe stürzte Vollering nach einer Radberührung im Finale schwer. Sie verlor mehr als eine Minute – und am Ende das Gelbe Trikot um lediglich vier Sekunden an Katarzyna Niewiadoma. Es war der knappste Gesamtsieg in der Geschichte der Tour.
SD Worx geriet anschließend massiv in die Kritik. Viele fragten sich, ob das Team schnell genug reagiert hatte, um seine Kapitänin zu unterstützen. Der Vorfall war zwar nicht der Grund für Vollerings Abschied, wurde jedoch zum Sinnbild einer Partnerschaft, deren Ende bereits absehbar war.
Mit ihrem Wechsel zu FDJ-SUEZ vor der Saison 2025 gelang einer der spektakulärsten Transfers im Frauenradsport.
Das Spannende an dieser Rivalität: Obwohl beide unterschiedliche Stärken besitzen, entwickeln sie sich immer stärker in dieselbe Richtung.
Vollering ist nach wie vor der Maßstab bei Etappenrennen: Sie ist eine der weltbesten Bergfahrerinnen, eine hervorragende Zeitfahrerin und zeigt bei Mehrtagesrennen eine bemerkenswerte Konstanz.
Kopecky hingegen definiert weiterhin neu, was eine Klassikerfahrerin erreichen kann. Jedes Jahr hält sie in den Bergen länger durch und bestreitet immer weniger Rennen, die ihr nicht liegen.
Die eigentliche Frage geht deshalb weit über die beiden Fahrerinnen hinaus:
Gehört die Zukunft Spezialistinnen – oder Allrounderinnen, die nahezu überall gewinnen können?
Pauline Ferrand-Prévot gegen Puck Pieterse: Die Offroad-Revolution
Jahrzehntelang wurden die Fahrer dazu ermutigt, sich zu spezialisieren. Straßenfahrer*innen fahren Straße. Mountainbiker*innen fahren Mountainbike. Cyclocross war lediglich Wintertraining.
Diese Vorstellung verändert sich gerade grundlegend.
Pauline Ferrand-Prévot hat über viele Jahre bewiesen, dass sie zu den größten Multidisziplin-Athletinnen ihrer Generation gehört. Nachdem sie bereits Straßenweltmeisterin geworden war, konzentrierte sie sich vollständig auf den Mountainbike-Sport, gewann zahlreiche Weltmeistertitel und erfüllte sich schließlich mit Olympiagold in Paris ihren größten Traum.
Viele gingen davon aus, dass ihre Straßenkarriere beendet sei.
Doch stattdessen kehrte sie zurück – und zeigte beinahe sofort, dass sie mit den besten Rundfahrerinnen der Welt mithalten kann.
Ihre technische Sicherheit in Abfahrten, ihre Effizienz in anspruchsvollem Gelände und ihre außergewöhnliche Regenerationsfähigkeit sprechen dafür, dass sich Erfolge im Mountainbike-Sport erstaunlich gut auf Grand Tours übertragen lassen.
Und dann ist da noch Puck Pieterse.
Wenn Ferrand-Prévot die Tür geöffnet hat, dann ist Pieterse die Fahrerin, die komplett hindurchgeht.
Die Niederländerin ist erst Anfang zwanzig und hat bereits auf höchstem Niveau im Cyclocross, Mountainbike und Straßenradsport gewonnen.
Viele Straßenfans lernten sie bei der Tour de France Femmes 2024 kennen, als sie eine Etappe gewann und anschließend das Weiße Trikot der besten Nachwuchsfahrerin holte.
Keine Woche später saß sie bereits wieder auf dem Mountainbike.
In dieser Saison gewann sie außerdem die Flèche Wallonne Femmes sowie die nationalen Mountainbike-Meisterschaften und unterstrich damit eindrucksvoll, wie selbstverständlich sie zwischen den Disziplinen wechselt.
Statt sich für eine Identität zu entscheiden, scheint Pieterse alle gleichzeitig leben zu wollen.
Der Gegensatz könnte kaum spannender sein.
Ferrand-Prévot steht für die etablierte Champion, die ihre Offroad-Erfahrung erfolgreich zurück auf die Straße bringt.
Pieterse dagegen repräsentiert eine Generation, für die diese Trennung von Anfang an gar nicht existiert hat.
Katarzyna Niewiadoma gegen die nächste Generation
Nur wenige Fahrerinnen genießen bei den Fans so viel Sympathie wie Katarzyna Niewiadoma-Phinney.
Schon lange vor ihrem Gesamtsieg bei der Tour de France Femmes 2024 galt sie als eine der spektakulärsten Fahrerinnen im Peloton.
Sie greift früh an, fährt Abfahrten furchtlos und wartet nur selten auf den vermeintlich perfekten taktischen Moment.
Selbst wenn ihre Attacken scheitern, prägen sie häufig den Rennverlauf.
Ihr Toursieg war das Ergebnis jahrelanger Arbeit.
Nachdem sie bei nahezu jeder großen Rundfahrt auf dem Podium gestanden hatte, setzte sie sich schließlich nach einer der dramatischsten Bergetappen der Tourgeschichte mit nur vier Sekunden Vorsprung gegen Demi Vollering durch.
Im Ziel auf der Alpe d’Huez brach sie erschöpft und überwältigt in Tränen aus – einer der emotionalsten Momente der jüngeren Radsportgeschichte.
Doch während Niewiadoma weiterhin zur absoluten Weltspitze gehört, rückt bereits die nächste Generation nach.
Die Französin Marion Bunel gilt als eines der vielversprechendsten Bergtalente der vergangenen Jahre.
Die Britin Zoe Bäckstedt steht wiederum für einen ganz neuen Entwicklungsweg. Bereits als Juniorin und später in der U23 gewann sie Weltmeistertitel im Cyclocross. Parallel entwickelt sie ihre enorme Leistungsfähigkeit kontinuierlich für den Straßenradsport weiter und bleibt dennoch mehreren Disziplinen treu.
Auch Julie Bego gehört in diese Reihe.
Die junge Französin ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich die Nachwuchsförderung verändert hat. Statt sich langsam über nationale Rennen nach oben zu arbeiten, profitierte sie früh von strukturierten WorldTour-Entwicklungsprogrammen, sportwissenschaftlicher Betreuung und internationaler Rennerfahrung.
Fahrerinnen wie Bego kommen heute deutlich besser vorbereitet ins Profi-Peloton als viele der heutigen Topstars im gleichen Alter.
Das bedeutet:
Niewiadoma gehört zwar weiterhin zur Weltelite, fährt inzwischen aber gegen eine Generation, die in einer völlig neuen Realität des Frauenradsports aufgewachsen ist.
Marlen Reusser gegen Demi Vollering: Teamkolleginnen, Rivalinnen und moderne Führungsrollen
Eine der interessantesten Rivalitäten im Peloton findet möglicherweise sogar innerhalb eines Teams statt.
Marlen Reusser galt viele Jahre vor allem als eine der besten Zeitfahrerinnen der Welt.
Drei Europameistertitel und Olympiasilber bestätigten ihre Klasse, doch nur wenige hielten sie für eine ernsthafte Anwärterin auf den Gesamtsieg bei einer Grand Tour.
Das hat sich grundlegend geändert.
Reusser hat sich in den Bergen Jahr für Jahr gesteigert, und ihre Leistungen bei einwöchigen Rundfahrten haben das Bild von ihr grundlegend verändert.
Ihr souveräner Gesamtsieg bei der Tour de Suisse Women 2025 sowie ihre konstant offensiven Auftritte während der Saison 2026 zeigen deutlich: Sie ist längst nicht mehr nur Helferin für Klassementfahrerinnen – sie kann selbst um Gesamtsiege kämpfen.
Momentan scheint FDJ-SUEZ eine gute Balance zwischen Reusser und Vollering gefunden zu haben.
Die Geschichte des Radsports zeigt allerdings, dass solche Konstellationen selten dauerhaft bestehen.
Je konkurrenzfähiger der Frauenradsport wird, desto häufiger müssen Teams mehrere Fahrerinnen managen, die dieselben Rennen gewinnen können.
Auch das ist ein Zeichen des Fortschritts.
Vor zehn Jahren hofften viele Teams überhaupt auf eine ernsthafte Grand-Tour-Kandidatin.
Heute verfügen manche bereits über zwei.
Die eigentliche Rivalität: Spezialistinnen gegen komplette Radsportlerinnen
Vielleicht ist die spannendste Rivalität im modernen Frauenradsport gar kein Duell zwischen einzelnen Fahrerinnen.
Es geht vielmehr um zwei unterschiedliche Vorstellungen davon, wie die ideale Radsportlerin aussieht.
Früher wurden im Frauenradsport Spezialistinnen belohnt: Die besten Bergfahrerinnen gewannen Etappenrennen, die stärksten Sprinterinnen dominierten die Flachetappen, und die Klassikerfahrerinnen konzentrierten sich auf Kopfsteinpflaster und anspruchsvolles Gelände.
Diese Grenzen verschwimmen zunehmend.
Immer mehr Ausnahmekönnerinnen beherrschen nahezu alles.
Kopecky verbessert sich von Saison zu Saison im Bergfahren.
Vollering entwickelt sich auch außerhalb der Berge zu einer immer kompletteren Fahrerin.
Ferrand-Prévot bringt ihre Mountainbike-Fähigkeiten erfolgreich in Grand Tours ein.
Und Pieterse weigert sich konsequent, sich überhaupt auf eine Disziplin festzulegen.
Selbst junge Fahrerinnen wie Bäckstedt oder Bego entwickeln ihre Fähigkeiten von Beginn an auf unterschiedlichstem Terrain.
Die Tour de France Femmes spiegelt diese Entwicklung perfekt wider.
Die Strecken verbinden inzwischen schwere Bergetappen mit technischen Abfahrten, windanfälligen Flachetappen, explosiven Bergankünften und einer immer selektiveren Rennführung bereits in den ersten Tagen.
Wer heute das Gelbe Trikot gewinnen möchte, braucht außergewöhnliche Vielseitigkeit.
Mehr als nur das Gelbe Trikot
Das vielleicht Schönste am heutigen Frauenradsport ist, dass er sich mitten im Wandel befindet.
Der Sport wartet nicht darauf, dass eine einzelne Fahrerin die Nachfolge von Annemiek van Vleuten oder Marianne Vos antritt.
Stattdessen erleben wir eine Ära, in der mehrere Champions, verschiedene Disziplinen und unterschiedliche Generationen sich gegenseitig auf ein immer höheres Niveau treiben.
Genau deshalb geht es bei der Tour de France Femmes avec Zwift um weit mehr als nur darum, wer am Ende im Gelben Trikot ganz oben auf dem Podium steht.
Hier trifft Vollerings Jagd nach einem weiteren Toursieg auf Kopeckys Ehrgeiz, ihr Repertoire immer weiter auszubauen. Hier begegnet Ferrand-Prévots außergewöhnliches Comeback dem scheinbar grenzenlosen Potenzial von Pieterse. Und hier wird Niewiadomas furchtloser Rennstil von einer Generation herausgefordert, die den Frauenradsport nie ohne vollständig professionelle Teams erlebt hat.
Gemeinsam formen sie einen Frauenradsport, der wettbewerbsintensiver, unberechenbarer und – vielleicht am wichtigsten – spannender ist als jemals zuvor.
