Veranstaltungen

Vingegaard ist raus: Man weiß erst, was man hatte, wenn es fehlt

Von Siegfried Mortkowitz

In dem Moment, als die Fernsehbilder zeigten, wie Jonas Vingegaard nach seinem Sturz auf der 15. Etappe in einen Krankenwagen stieg, überkam mich ein seltsames Gefühl. Plötzlich war die Tour de France, die ich gerade verfolgte, nicht mehr dieselbe. Sie hatte sich innerhalb weniger Sekunden verändert. Brutal und endgültig. Und mir wurde bewusst, dass Vingegaard zwar seit 2023 keine Tour mehr gewonnen hatte und seinen ewigen Rivalen Tadej Pogačar vermutlich nie wieder bezwingen würde – dass dem Rennen aber dennoch etwas Wesentliches genommen worden war – Vielleicht sogar Pogačar selbst.

„Es ist wirklich, wirklich traurig, dass Jonas ausgeschieden ist“, sagte Pogačar. „Seit 2021 haben wir immer um den Sieg gekämpft. Am Anfang hatten wir vielleicht nicht die beste Beziehung. Aber in den vergangenen zwei Jahren wurden wir zu Rivalen, die sich respektieren, zu echten Konkurrenten und, wie ich glaube, auch zu Freunden. Die Tour wird ohne ihn nicht mehr dieselbe sein.“

Das ungleiche Traumpaar der Tour

Einer der Gründe dafür ist simpel:

Pogačar und Vingegaard waren seit 2021 die Tour de France.

Sie bildeten ein Duo, das genauso ikonisch und untrennbar wirkte wie Sonny und Cher, Simon und Garfunkel oder Batman und Robin.

Ja, Pogačar übernahm irgendwann die dominante Rolle in dieser Beziehung.

Doch auch seine Überlegenheit wurde bei der Tour stets daran gemessen, wie viel Zeit er gegenüber Jonas Vingegaard gewann oder verlor.

Und umgekehrt galt dasselbe.

Vingegaards Leistungen und seine Chancen auf den Gesamtsieg wurden immer über Pogačar definiert.

Abgesehen voneinander hatten beide praktisch keine Rivalen.

Wenn einer gewann, wurde der andere Zweiter.

Ihre Fähigkeiten und ihre Leistungen verbanden sie wie siamesische Zwillinge.

Sie waren ein Paar.

Sie kamen gemeinsam zu dem Tanz, den wir Tour de France nennen – und tanzten fast ausschließlich miteinander.

Zwei Fahrer, die kaum unterschiedlicher sein könnten

Gleichzeitig waren sie ein ausgesprochen ungleiches Paar.

Auf der einen Seite der lebensfrohe, extrovertierte Pogačar.

Auf der anderen der zurückhaltende Familienmensch Vingegaard.

Es fällt nicht schwer zu glauben, dass der Beginn ihrer Beziehung schwierig war, wie Pogačar selbst sagt.

Man muss sich nur ansehen, wie unterschiedlich beide ihre Siege feiern.

Vingegaard küsst vor der Ziellinie seinen Ehering.

Pogačar feiert den Moment und sich selbst.

Auch dieser Gegensatz ist ein Grund dafür, dass sie in der Radsportgeschichte wohl dauerhaft miteinander verbunden bleiben werden.

So wie andere legendäre Rivalen:

  • Fausto Coppi und Gino Bartali
  • Jacques Anquetil und Raymond Poulidor
  • Greg LeMond und Laurent Fignon

Der Journalist Alasdair Fotheringham beschrieb Vingegaards Rolle treffend.

Über Jahre war der Däne die Verbindung zwischen den „ersten Sterblichen“ hinter Pogačar und der beinahe unantastbaren Ebene, auf der sich der viermalige Tour-Sieger bewegte.

Anders gesagt:

Vingegaard war halb Mensch, halb unsterblich.

Er konnte sowohl die dünne Luft auf Pogačars Höhe atmen als auch die normale Luft der übrigen Fahrer.

Der Wächter vor Pogačars Thron

Fotheringham zitierte in seinem Artikel auch Patxi Vila, den sportlichen Leiter von Red Bull–BORA–Hansgrohe.

Auf die Frage, ob seine beiden Kapitäne Pogačar schlagen könnten, antwortete Vila, das unmittelbarere Ziel sei zunächst, Vingegaard zu bezwingen.

„Wenn wir diesen Kampf gewinnen, kümmern wir uns um den nächsten.“

Dramatischer formuliert:

Wenn Pogačar der griechische Göttervater Zeus ist, dann war Vingegaard dessen halbmenschlicher Sohn Herkules – der Wächter vor dem Olymp.

Vingegaards Stärke definierte Pogačars Größe.

Genauso zeigte Pogačars Überlegenheit, wie weit der Däne noch von der Unsterblichkeit entfernt war.

Ohne Pogačar wäre Vingegaard als einer der größten Fahrer der Radsportgeschichte gefeiert worden.

Ohne Vingegaards zwei Tour-Siege hätte man Pogačar vielleicht lediglich als besten Fahrer einer mittelmäßigen Generation bezeichnet.

Und wer weiß, wie stark diese Rivalität Pogačar überhaupt angetrieben hat?

Hätte er ohne einen Gegner von Vingegaards Format dieselbe Motivation entwickelt?

Ich bezweifle es.

Eine andere Tour

Pogačar hatte recht:

Vingegaards Ausfall hat das Rennen verändert.

Zunächst einmal scheint er Remco Evenepoel beflügelt zu haben.

Solange Vingegaard dabei war, hatte der Belgier an langen Anstiegen immer wieder Probleme.

Verlorene Zeit holte er meist erst in flacheren Passagen oder in Abfahrten zurück.

Doch nur etwa zwei Stunden nach Vingegaards Aufgabe schlug Evenepoel Pogačar am bislang schwersten Anstieg dieser Tour:

dem als Hors Catégorie eingestuften Schlussanstieg zum Plateau de Solaison mit 11,3 Kilometern Länge und durchschnittlich 9,1 Prozent Steigung.

 

War das Zufall?

Kommt Evenepoel einfach immer besser in Fahrt?

Oder war es tatsächlich die Bestätigung von Patxi Vilas Aussage?

War mit dem ersten Rivalen aus dem Weg plötzlich Platz für den nächsten Kampf?

Mein erster Gedanke, als ich Evenepoel an diesem Anstieg bei Pogačar sah, war:

Er besetzt gerade eine frei gewordene Stelle.

Vielleicht hatte er nur auf die Gelegenheit gewartet, um zu zeigen, was wirklich in ihm steckt.

Kann Evenepoel Vingegaard ersetzen?

Noch ist es zu früh, um zu beurteilen, ob Evenepoel lediglich einen außergewöhnlich guten Tag erwischt hat.

Vielleicht wird er tatsächlich zum neuen Hauptgegner des scheinbar Unantastbaren.

Doch selbst dann wäre es eine andere Rivalität.

Und damit auch eine andere Tour.

Vor allem für Pogačar.

Denn der Slowene sah seinen eigentlichen Kampf immer gegen Vingegaard.

Vermutlich war er genauso überrascht wie ich, als Evenepoel am Plateau de Solaison plötzlich an seinem Hinterrad blieb.

War das vielleicht der Grund, warum Pogačar im Zielsprint nicht vollständig durchzog?

Weil es ihm weniger bedeutet hätte, Evenepoel zu schlagen, als noch einmal Vingegaard?

Schließlich hat Evenepoel ihn in der Tour-Gesamtwertung noch nie bezwungen.

Vingegaard dagegen gelang das zweimal.

Wer glaubt, dass das für einen Wettkämpfer wie Pogačar keinen Unterschied macht, unterschätzt ihn.

Eine andere Erklärung wäre, dass er an dem Tag, an dem Vingegaard ausgeschieden war, keinen Sieg feiern wollte.

Das hätte respektlos wirken können.

Und Pogačar ist, bei aller sportlichen Härte, ein anständiger Kerl.

Die Hoffnung, die nun fehlt

Die Tour wird nicht mehr dieselbe sein.

Es fehlt nun diese leise, manchmal beinahe irrationale Hoffnung, dass Vingegaard Pogačar am nächsten Anstieg vielleicht doch noch schlagen könnte.

Oder am übernächsten.

Nahezu alle Radsportfans – abgesehen von den allergrößten Pogačar-Anhänger*innen – hätten sich über einen Etappensieg Vingegaards bei dieser Tour gefreut.

Evenepoels Triumph fühlte sich vielleicht auch deshalb weniger befriedigend an.

Nicht, weil er weniger verdient war.

Sondern weil Evenepoel bislang nicht dieselbe Geschichte von Ausdauer, Willenskraft und immer wiederkehrender Frustration im Kampf gegen den besten Fahrer seiner Generation mitbringt.

Vingegaard dagegen war 2024 weniger als drei Monate nach seinem beinahe tödlichen Sturz bei der Baskenland-Rundfahrt zur Tour zurückgekehrt.

Und wurde Zweiter.

Für mich war das die beeindruckendste Rundfahrt seiner Karriere.

Erst sein Fehlen zeigt seine Größe

Vielleicht haben uns Vingegaards jüngste Niederlagen gegen Pogačar davon abgehalten, zu erkennen, wie außergewöhnlich gut er tatsächlich ist.

Und wie entscheidend er für unsere Begeisterung für die Tour de France war.

Sinngemäß heißt es in Joni Mitchells „Big Yellow Taxi“:

Man erkennt oft erst, was man hatte, wenn es nicht mehr da ist.

Jonas Vingegaard fehlt mir jetzt schon.