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Die nächste Pogačar-Show – und vielleicht die letzten beiden Massensprints der Tour

Von Siegfried Mortkowitz

Obwohl eigentlich alle wussten, wie die zehnte Etappe der Tour de France enden würde – nämlich mit einem Sieg von Tadej Pogačar –, bot der Tag genügend Gesprächsstoff für eine ganze Reihe von Erkenntnissen.

Noch eine Win-win-Situation für Pogačar

Vor der Etappe hatte Pogačar betont, dass es ihm nicht um Revanche für seine Niederlage am Le Lioran im Vorjahr gehe.

Damals hatte der Slowene bei seiner Energiezufuhr einen Fehler gemacht und den Sprint gegen Jonas Vingegaard verloren.

„Es ist einfach eine schöne Etappe, die man gerne gewinnen möchte“, sagte der Träger des Gelben Trikots vor dem Start.

Am Ende sah es dann doch ziemlich nach Revanche aus.

Pogačar vergisst offenbar ebenso wenig wie ein Elefant.

Am Col du Pertus, einem 4,5 Kilometer langen Anstieg mit durchschnittlich 8,3 Prozent Steigung, setzte er 15,5 Kilometer vor dem Ziel seinen Angriff.

Wie so oft konnte niemand folgen.

Einschließlich der Zeitbonifikation nahm er Vingegaard weitere 54 Sekunden ab und führt die Gesamtwertung nun mit 3:36 Minuten Vorsprung an.

Kurz vor dem Ziel musste sich Pogačar allerdings einige Buhrufe von Zuschauer*innen anhören.

Beeindruckt zeigte er sich davon nicht.

„Ich habe eben Hater, und Hater werden immer haten“, sagte er nach der Etappe. „Die Leute, die buhen, motivieren meine Teamkollegen nur noch mehr. Sie legen zusätzliches Holz ins Feuer.“

Was denken sich diese Menschen eigentlich?

Das wäre ungefähr so, als würde man Leonardo da Vinci oder Shakespeare ausbuhen, weil sie ihren Zeitgenossen künstlerisch zu weit voraus waren.

Sieger gewinnen.

Verlierer buhen.

Was ist mit Vingegaard los?

Vielleicht liegt es an der Hitze.

Vielleicht hat sich Vingegaard noch nicht vollständig von seinem Sieg beim Giro d’Italia erholt.

Oder das ist momentan schlicht sein bestes Niveau.

Was auch immer dahintersteckt: Das Problem ist ernst und könnte sich im weiteren Verlauf der Tour noch verschärfen.

Vingegaard beendete die Etappe auf Rang sieben. Auf den letzten Kilometern verlor er deutlich an Boden.

Sein Vorsprung auf Remco Evenepoel beträgt in der Gesamtwertung nur noch 30 Sekunden.

Auch sein Team Visma–Lease a Bike wirkt nicht besonders überzeugend.

Matteo Jorgenson und Sepp Kuss konnten an den schwierigeren Anstiegen nicht im Peloton bleiben.

Lediglich Davide Piganzoli hatte am Col du Pertus noch genügend Kraft für eine Tempoverschärfung. Vermutlich sollte sie einen Angriff seines Kapitäns vorbereiten.

Doch statt Vingegaard nutzte Pogačar die Vorlage.

Er griff aus Piganzolis Tempo heraus an, während der Däne zurückblieb.

Diese Tour hat die Hoffnung zunichtegemacht, die Vingegaards Giro-Sieg geweckt hatte: dass er wieder stark genug sein könnte, um den voraussichtlich fünfmaligen Tour-Champion ernsthaft herauszufordern.

Erstaunlicherweise zeigte sich Vingegaard dennoch zufrieden.

„Am Ende war es eigentlich kein besonders schlechter Tag“, sagte er. „Solche kürzeren Anstiege liegen mir nicht unbedingt. Deshalb musste ich heute kämpfen. Mit einem relativ kleinen Zeitverlust herauszukommen, ist etwas, womit ich zufrieden sein kann.“

Das klingt allerdings nicht nach jemandem, der noch fest an den Gesamtsieg glaubt.

Die entscheidende Frage lautet inzwischen eher:

Kann Vingegaard seinen Platz auf dem Podium verteidigen?

 

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Evenepoel hält an seinen Hoffnungen fest

Remco Evenepoel rettete sich auf der zehnten Etappe mit einer starken Abfahrt vor einer herben Enttäuschung.

Nachdem er am letzten kategorisierten Anstieg den Anschluss verloren hatte, holte er die übrigen Klassementfahrer auf dem leicht ansteigenden Weg ins Ziel wieder ein und sprintete anschließend auf Rang zwei.

Das ändert allerdings nichts daran, dass Evenepoel an diesem vergleichsweise moderaten Schlussanstieg mit 3,1 Kilometern Länge und 5,8 Prozent Steigung abgehängt worden war.

Sein Teamkollege Florian Lipowitz dagegen blieb in der Gruppe.

Nach dem Col du Tourmalet war es bereits der zweite Anstieg, an dem der Deutsche stärker kletterte als der nominelle Kapitän seines Teams.

Weil Isaac del Toro einen schlechten Tag erwischte und als Achter 1:31 Minuten auf seinen Teamchef verlor, rückte Evenepoel dennoch auf den dritten Gesamtrang vor.

Vingegaard und Platz zwei sind weiterhin in Reichweite.

Möglicherweise redet sich der Belgier seine Schwächen am Berg allerdings etwas schön.

„Ich bin einfach zufrieden damit, wie es gelaufen ist“, sagte Evenepoel. „Es ist gut, etwas Zeit zurückgewonnen zu haben – vor allem mit Blick auf das kommende Wochenende. In den nächsten Tagen müssen wir ruhig bleiben und gut durchkommen. Ab Freitag, besonders aber am Samstag und Sonntag, wird es einen großen Kampf um die Gesamtwertung geben. Wir werden sehen, wie es läuft. Ich habe jedenfalls das Gefühl, jeden Tag besser zu werden.“

Das mag stimmen.

Doch angesichts der schweren Bergetappen, die noch folgen, könnte Lipowitz bald die Führungsrolle im Team übernehmen müssen.

Es sei denn, der Deutsche entscheidet sich dafür, für Evenepoel zu arbeiten – so, wie dieser es bereits energisch eingefordert hat.

Nach der sechsten Etappe waren die beiden aneinandergeraten.

Evenepoel erklärte, er sei „wütend, und das zu Recht“, weil Lipowitz ihm am Tourmalet nicht wie gewünscht Tempo gemacht hatte.

„Ich habe ihn gebeten, einen Kilometer lang vorne zu arbeiten. Das war offenbar nicht möglich. Das hat mich wütend gemacht.“

Vielleicht ärgerte ihn vor allem die Erkenntnis, dass der Deutsche derzeit der bessere „Kletterer“ ist.

Lipowitz weiß das vermutlich selbst.

Sein Auftrag sollte sein, das bestmögliche Ergebnis für das Team zu erzielen – und nicht Evenepoels Helfer zu spielen, falls dadurch am Ende beide das Podium verpassen.

Der Deutsche liegt aktuell auf Gesamtrang sechs, 4:44 Minuten hinter Pogačar und nur 38 Sekunden hinter Evenepoel.

Den Slowenen wird er kaum noch einholen.

Der Rückstand auf seinen Teamkollegen könnte an den beiden schweren Bergetappen des Wochenendes jedoch schnell verschwinden.

Kein französisches Märchen – aber beinahe

Die zehnte Etappe wurde am französischen Nationalfeiertag ausgetragen.

Ein Sieg von Paul Seixas wäre deshalb ein perfektes Märchen gewesen.

Ganz gereicht hat es nicht.

Der erst 19-jährige Franzose belegte jedoch einen hervorragenden dritten Platz und verlor auf einer Strecke, die ihm nicht optimal lag, lediglich 34 Sekunden.

In der Gesamtwertung liegt Seixas nun auf Rang fünf.

Bis zum Podium fehlen ihm nur 29 Sekunden.

Im Kampf um das Weiße Trikot der Nachwuchswertung beträgt sein Rückstand auf Juan Ayuso sogar lediglich 13 Sekunden.

Für einen 19-Jährigen bei seiner ersten Tour de France ist das ausgesprochen beeindruckend.

Die größten Prüfungen kommen allerdings erst noch.

Vielleicht war seine bislang eher kontrollierte Fahrweise tatsächlich der Versuch, möglichst viele Kräfte für die entscheidenden Hochgebirgsetappen aufzusparen.

Etappe 11: Wærenskjold gewinnt die schnellste Tour-Etappe aller Zeiten

Søren Wærenskjold sorgte auf der elften Etappe am Mittwoch für einen überraschenden Sprintsieg.

Gleichzeitig wurde der Renntag zur schnellsten Etappe in der Geschichte der Tour de France.

Auf der 161,3 Kilometer langen Strecke von Vichy nach Nevers erreichten die Fahrer eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 50,91 km/h.

Damit übertrafen sie den bisherigen Rekord von 50,36 km/h aus dem Jahr 1999.

Wærenskjold reagierte als erster Sprinter, als Cees Bol rund 300 Meter vor dem Ziel eine Lücke aufriss.

Bol wollte eigentlich den Sprint für seinen Teamkollegen Olav Kooij vorbereiten.

Doch Kooij war die Distanz bis zum Ziel noch zu groß.

Er wartete.

Mit ihm zögerten auch die anderen Sprinter.

Wærenskjold dagegen trat an und schloss zu Bol auf.

Jasper Philipsen reagierte als Erster.

Kurz darauf eröffnete auch Kooij seinen Sprint.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Wærenskjold Bol bereits passiert und war mit voller Geschwindigkeit unterwegs.

Die Konkurrenz kam mit jedem Pedaltritt näher, hatte aber zu lange gewartet.

Der Norweger rettete eine halbe Radlänge Vorsprung ins Ziel.

Kooij wurde Zweiter, Philipsen belegte Rang drei.

„Ich dachte, ich wäre zu weit hinten“, erklärte Wærenskjold anschließend. „Dann öffnete sich rechts plötzlich eine Lücke, was normalerweise nie passiert. Es war dasselbe Gefühl wie bei meinem ersten großen Sieg beim Omloop Het Nieuwsblad: Erst glaubt man, zu weit hinten zu sein, und plötzlich liegt man vorne. Es ist unglaublich.“

Für das neu in die WorldTour aufgestiegene Team Uno-X Mobility verläuft die Tour bislang hervorragend.

Torstein Træen trug zwei Tage lang das Gelbe Trikot, bevor er nach einem Sturz aus dem Rennen ausschied.

Wærenskjolds Erfolg war sein erster Etappensieg bei der Tour und bereits der zweite Sieg seines Teams.

„Das bedeutet mir alles. Es ist der größte Sieg meiner bisherigen Karriere.“

Nach der Etappe herrschte allerdings zunächst etwas Verwirrung.

Die Rennjury versetzte Philipsen wegen gefährlicher Fahrweise zurück. Nach einem Protest der Teamleitung nahm sie die Entscheidung jedoch wieder zurück und setzte ihn erneut auf Rang drei.

Berichten zufolge war es das erste Mal, dass eine Tour-Jury eine solche Entscheidung nachträglich änderte.

Für Philipsen blieb damit zumindest eine kleine Chance auf das Grüne Trikot bestehen.

Nach der zwölften Etappe dürfte es allerdings kaum noch Gelegenheiten für einen klassischen Massensprint geben.

Chaos, ein Sturz und Merliers dritter Sieg

Die zwölfte Etappe war auf den letzten 24 Kilometern von zahlreichen Angriffen geprägt.

Mehrere Teams versuchten, die Sprinter und ihre Anfahrer vor dem Finale müde zu machen.

Ohne Erfolg.

Als das Peloton die letzten Kilometer erreichte, waren die üblichen Sprintkandidaten weiterhin vorne vertreten.

Alpecin–Premier Tech übernahm als erstes Team die Kontrolle.

Knapp einen Kilometer vor dem Ziel schoss Philipsens Sprintzug an die Spitze.

Die übrigen Sprinter reihten sich dahinter ein.

Rund 350 Meter vor dem Ziel teilte ein schwerer Sturz das Peloton in zwei Gruppen.

Die meisten Top-Sprinter blieben davon allerdings verschont.

Mathieu van der Poel brachte Philipsen erneut in eine gute Position.

Doch zunächst zog Tim Merlier vorbei, anschließend auch Olav Kooij.

Der Soudal-Quick-Step-Profi sicherte sich damit bereits seinen dritten Etappensieg bei dieser Tour.

„Heute habe ich eine kleine Lücke gefunden“, sagte Merlier. „Ich musste kurz ruhig bleiben und habe dann noch einmal beschleunigt. Solche Finals liegen mir.“

Mads Pedersen beendete die Etappe zwar nur auf Rang neun, sammelte zuvor aber 20 Punkte beim Zwischensprint.

Damit führt er die Punktewertung nun mit 357 Zählern an.

Dahinter folgen:

  • Biniam Girmay mit 317 Punkten
  • Jasper Philipsen mit 311 Punkten
  • Tim Merlier mit 307 Punkten

Der Kampf um das Grüne Trikot bleibt damit deutlich spannender als der um Gelb.


Ergebnisse der 10. Etappe

Aurillac – Le Lioran, 166,6 km

Platz Fahrer Team Zeit
1 Tadej Pogačar UAE Team Emirates–XRG 3:58:08
2 Remco Evenepoel Red Bull–BORA–hansgrohe +0:32
3 Paul Seixas Decathlon CMA CGM +0:34
4 Florian Lipowitz Red Bull–BORA–hansgrohe gleiche Zeit
5 Juan Ayuso Lidl-Trek +0:38
6 Mattias Skjelmose Lidl-Trek gleiche Zeit
7 Jonas Vingegaard Visma–Lease a Bike +0:44
8 Isaac del Toro UAE Team Emirates–XRG +1:31
9 Tom Pidcock Pinarello Q36.5 +1:59
10 Lenny Martinez Bahrain Victorious +2:03

Gesamtwertung nach Etappe 12

Platz Fahrer Team Rückstand
1 Tadej Pogačar UAE Team Emirates–XRG 43:04:01
2 Jonas Vingegaard Visma–Lease a Bike +3:36
3 Remco Evenepoel Red Bull–BORA–hansgrohe +4:06
4 Juan Ayuso Lidl-Trek +4:22
5 Paul Seixas Decathlon CMA CGM +4:35
6 Florian Lipowitz Red Bull–BORA–hansgrohe +4:44
7 Isaac del Toro UAE Team Emirates–XRG +5:08
8 Mattias Skjelmose Lidl-Trek +5:45
9 Lenny Martinez Bahrain Victorious +6:34
10 Tom Pidcock Pinarello Q36.5 +11:49