Schauen wir auf die Hauptdarsteller.
Tadej Pogačar hat die Tour bereits viermal gewonnen und wird von vielen schon heute zu den größten Radprofis aller Zeiten gezählt.
Jonas Vingegaard hat die Frankreich-Rundfahrt zweimal gewonnen und dabei beide Male Pogačar bezwungen.
Remco Evenepoel ist Welt- und Olympiasieger im Einzelzeitfahren und wechselte in diesem Jahr zu Red Bull–BORA–Hansgrohe mit einem klaren Ziel: endlich die Tour gewinnen.
Und dann wäre da noch Paul Seixas. Der erst 19-jährige Franzose hat in dieser WorldTour-Saison derart beeindruckende Leistungen gezeigt, dass ihn viele bereits als künftigen Tour-Sieger sehen.
Wenn alle gesund bleiben und niemand durch einen Sturz ausgebremst wird, könnte das Gesamtklassement bis tief in die dritte Woche hinein völlig offen sein. Erst in den Alpen dürfte sich entscheiden, wer tatsächlich das Gelbe Trikot nach Paris trägt.
Natürlich sieht die Realität oft anders aus. Vor dem Start gibt es jede Menge Unbekannte. Genau das macht diese Tour so reizvoll.
Das wahrscheinlichste Szenario?
Der wahrscheinlichste Verlauf könnte ungefähr so aussehen:
- Evenepoel verliert bereits auf einer der ersten schweren Bergetappen den Anschluss. Etappe 6 mit über 4.100 Höhenmetern und dem Tourmalet wäre dafür ein denkbarer Kandidat.
- Paul Seixas leistet sich irgendwann in Woche zwei einen typischen Fehler eines jungen Fahrers, nimmt eine Abfahrt zu optimistisch oder verschätzt sich in einer Kurve.
- Pogačar und Vingegaard erreichen die legendäre Bergankunft auf der Alpe d’Huez in Etappe 19 nahezu zeitgleich. Dort setzt sich der Slowene durch und holt seinen fünften Tour-Sieg.
Ob es tatsächlich so kommt? Bei dieser Besetzung würde wohl niemand darauf wetten.
Die vier Topfavoriten
1. Tadej Pogačar (UAE Team Emirates–XRG)
Mit 27 Jahren befindet sich der Slowene im besten Alter und wirkt stärker denn je.
13 Siege hat er in dieser Saison bereits eingefahren. Darunter:
- Strade Bianche
- Mailand–Sanremo
- Flandern-Rundfahrt
- Lüttich–Bastogne–Lüttich
- Tour de Romandie
- Tour de Suisse
Der fünfte Tour-Sieg hätte historischen Wert. Nur vier Fahrer haben diese Marke bislang erreicht:
- Jacques Anquetil
- Eddy Merckx
- Bernard Hinault
- Miguel Induráin
Genau dort möchte Pogačar hin.
Sportlich spricht fast alles für ihn. Seine explosiven Attacken kann derzeit kaum jemand kontern. Seine einzige wirklich schmerzhafte Niederlage in diesem Jahr kam bei Paris–Roubaix zustande. Dort verhinderten mehrere Defekte und sogar ein Radwechsel auf das Neutralmaterial den Sieg.
Für die Tour dürfte er perfekt vorbereitet sein. So fein abgestimmt wie ein Formel-1-Bolide kurz vor dem Start in Monaco.
Auch sein Team bleibt trotz des Ausfalls von Marc Soler außergewöhnlich stark. Angeführt wird die Helferriege von Isaac del Toro. Würde der Mexikaner ein eigenes Team anführen, wäre er selbst ein ernsthafter Anwärter auf das Gelbe Trikot.
2. Jonas Vingegaard (Visma–Lease a Bike)
Der dominante Giro-Sieg hat gezeigt: Vingegaard ist zurück.
Nach seinem schweren Sturz bei der Itzulia im vergangenen Jahr brauchte der Däne viele Monate, um wieder sein altes Niveau zu erreichen. Inzwischen behauptet er sogar, stärker zu sein als jemals zuvor.
Ob das reicht, um Pogačar zu schlagen, gehört zu den spannendsten Fragen dieser Tour.
Ein möglicher Unsicherheitsfaktor bleibt sein Team.
Beim Giro funktionierte das Zusammenspiel nahezu perfekt. Vor allem Davide Piganzoli überraschte als Kletterer.
Allerdings muss Visma auf Wout van Aert verzichten, der wegen einer Ellbogenverletzung ausfällt. Auch Edoardo Affini sorgte nach seinem Sturz bei den italienischen Zeitfahrmeisterschaften kurzzeitig für Nervosität, wurde aber rechtzeitig für startklar erklärt.
Piganzoli rückt nach und dürfte besonders in den Bergen wertvoll sein. Gemeinsam mit Sepp Kuss verfügt Vingegaard dort über starke Unterstützung.
Auf den flachen Etappen und im Mannschaftszeitfahren wird van Aert allerdings schmerzlich fehlen.
Hinzu kommt: Piganzoli und Per Strand Hagenes bestreiten ihre erste Tour de France. Talent ist reichlich vorhanden, Erfahrung dagegen deutlich weniger.
Der Giro hat allerdings gezeigt, dass junge Teams durchaus über sich hinauswachsen können.
3. Paul Seixas (Decathlon CMA CGM)
Paul Seixas ist eines der größten Talente im Peloton.
Aber eben auch erst 19 Jahre alt.
Das zeigte sich mehrfach in dieser Saison. Bei der Itzulia setzte er sich unnötig früh von seiner Gruppe ab und verbrannte wertvolle Kräfte aus Angst, seine Gesamtführung zu verlieren.
Bei der Tour Auvergne–Rhône-Alpes flog er nach einer zu schnell gefahrenen Kurve aus dem Rennen und gab anschließend selbstkritisch zu:
„Ich bin einfach zu viel Risiko gegangen.“
Die entscheidende Frage lautet deshalb:
Kann ein Fahrer in diesem Alter bereits eine dreiwöchige Rundfahrt gewinnen?
Niemand weiß es.
Ebenso wenig, ob er seine Kräfte über drei Wochen hinweg clever einteilen kann oder an der Alpe d’Huez plötzlich feststellt, dass der Tank leer ist.
Ein Platz unter den besten Fünf wäre bereits außergewöhnlich. Selbst die Top 10 wären ein Riesenerfolg.
Gewinnen wird er wahrscheinlich noch nicht.
Überraschen?
Absolut.
Zur Erinnerung: Pogačar war 21 Jahre alt, als er seine erste Tour gewann.
4. Remco Evenepoel (Red Bull–BORA–Hansgrohe)
Dass Evenepoel hier nur auf Platz vier landet, liegt nicht an seinem Talent.
Sondern an seinem Körperbau.
Seit Jahren gibt es Zweifel, ob er an den ganz langen Anstiegen mit Pogačar oder Vingegaard mithalten kann.
Deshalb verfolgte Red Bull–BORA–Hansgrohe einen ungewöhnlichen Ansatz.
Evenepoel verzichtete zwei Monate lang vollständig auf Rennbelastung und konzentrierte sich darauf, Gewicht zu verlieren. Ziel war es, seine Watt-pro-Kilogramm-Werte zu verbessern.
Die Theorie dahinter ist einfach:
Weniger Gewicht bedeutet bessere Kletterleistung.
Ob dieses Konzept aufgeht, bleibt offen.
Ebenso unklar ist, welche Auswirkungen zwei Monate ohne Rennhärte auf Reaktionsvermögen und Renngespür haben werden.
Fast wirkt die Strategie wie ein letzter großer Versuch, das entscheidende Puzzleteil zu finden.
Ironischerweise könnte sich das Gewichtsmanagement sogar im Mannschaftszeitfahren rächen. Sollte Evenepoel dort Zeit verlieren, wäre das ein bitterer Auftakt.
Die Außenseiter
Sollte Evenepoel früh zurückfallen, besitzt Red Bull mit Florian Lipowitz einen hervorragenden Plan B.
Der Deutsche belegte im vergangenen Jahr Rang drei der Tour und gewann zuletzt die Tour of Slovenia.
Für einen Sieg gegen Pogačar oder Vingegaard dürfte es noch nicht reichen.
Ein Podiumsplatz?
Durchaus realistisch.
Ebenfalls im erweiterten Favoritenkreis:
- Tobias Halland Johannessen (Uno-X Mobility)
- Tom Pidcock (Pinarello Q36.5)
- Juan Ayuso (Lidl-Trek)
Vor allem Ayuso dürfte seinem früheren Team UAE Team Emirates–XRG beweisen wollen, dass es sein Potenzial unterschätzt hat.
Mein Tipp: Achtet auf das Mannschaftszeitfahren
Schon die erste Etappe könnte richtungsweisend sein.
Jedes Team möchte möglichst früh das Gelbe Trikot übernehmen.
Nicht, weil ein Tag in Gelb die Tour entscheidet.
Sondern weil er eine Botschaft sendet.
„Wir sind hier, um diese Tour zu gewinnen.“
Die Favoriten auf das grüne Škoda Trikot
Jasper Philipsen (Alpecin–Premier Tech) reist in Topform an.
Er gewann zuletzt den Copenhagen Sprint sowie die Baloise Belgium Tour inklusive Gesamt- und Punktewertung.
Zehn Tour-Etappen stehen bereits auf seinem Konto. Das Grüne Trikot gewann er allerdings bislang nur einmal, nämlich 2023.
Mit Mathieu van der Poel verfügt Philipsen erneut über den vielleicht besten Anfahrer der Welt. Das verschafft ihm im Massensprint einen klaren Vorteil.
Ganz einfach wird es trotzdem nicht.
Mads Pedersen (Lidl-Trek) hatte nach seinem schweren Sturz bei der Volta a la Comunitat Valenciana im Frühjahr eine komplizierte Saison. Handgelenk und Schlüsselbein waren auf unterschiedlichen Körperseiten gebrochen.
Die Genesung verlief erstaunlich schnell.
Die Topform ließ dagegen länger auf sich warten.
Noch wartet Pedersen in dieser Saison auf seinen ersten Sieg. Gut möglich allerdings, dass sein kompletter Aufbau auf die Tour ausgerichtet war.
Weitere Kandidaten für das Grüne Trikot sind:
- Olav Kooij (Decathlon CMA CGM)
- Tim Merlier (Soudal Quick-Step)
- 2024 „Škoda Green Jersey winner“ Biniam Girmay (NSN Cycling)
Am Ende könnte das Grüne Trikot fast genauso spannend werden wie der Kampf um Gelb.



