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Mit nur noch drei verbleibenden Etappen – und keinen Bergen – ist es an der Zeit, dem 36-jährigen Mark Cavendish Respekt zu erweisen.  Er kehrte nach Jahren der Radsportfrustration zurück, um die diesjährige Tour de France mit einer spektakulären Leistung zum Leuchten zu bringen. Wenn nicht ein Unfall oder eine Krankheit dazwischen kommt, wird Cavendish dieses Jahr das Grüne Trikot gewinnen. Noch dazu kann er den Radsportrekord des großen Eddy Merckx brechen, indem er seinen 35. Tour-Etappensieg erringt, entweder auf der Etappe 19 am Freitag oder beim Sprint zum Ziel in Paris am Sonntag.

Nur wenige Tage vor dem Start der Tour ist Cavendish noch davon ausgegangen, das Rennen im Fernsehen zu verfolgen. Für den Fall der Fälle hielt er sich aber fit. Die Belohnung dafür folgte, denn er wurde kurzfristig Mitglied des Deceuninck-Quick-Step-Teams. Der letztjährige Gewinner des Grünen Trikots, Sam Bennett, erlitt im Training eine Knieverletzung und Cavendish sprang ein, um ihn zu ersetzen. Der Rest ist im Begriff, Geschichte zu werden.

Cavendish dominierte die Sprints und gewann die Etappen 4, 6, 10 und 13 der Tour. Somit konnte er seine Gesamtzahl an Tour de France-Etappensiegen auf 34 erhöhen, genauso wie Merckx. Cavendishs Dominanz in den Sprints war so groß, dass ihn kaum etwas davon abhalten konnte das grüne Trikot auf dem finalen Podium in Paris zu tragen. Außer er wäre auf einer der Bergetappen außerhalb des Zeitlimits ins Ziel gekommen. Aber seine Deceuninck-Quick-Step-Teamkollegen – darunter auch Straßenweltmeister Julian Alaphilippe – haben hart daran gearbeitet, ihn sowohl für die Sprints anzuführen als auch über die großen Anstiege. Es gibt keine weiteren Berge mehr, und Cavendish führt vor seinem nächsten Verfolger, Michael Matthews vom Team BikeExchange, mit 298 zu 260 Punkten.

Matthews, der ŠKODA Gewinner des Grünen Trikots von 2017, hat immer noch die Chance, Cavendish einzuholen und ihm den Rekord am Freitag und Sonntag abzunehmen. Aber er hat zu keinem Zeitpunkt des Rennens gezeigt, dass er den Engländer in einem fairen Sprint schlagen könnte. Cavendish ist einfach schneller.

Michael Matthews
Matthews auf Etappe 14. © Profimedia

Allerdings ist die 19. Etappe am Freitag, 207 km von Mourenx nach Libourne, eine der letzten Chancen für die Teams, die bei der Tour bisher noch keinen Etappensieg erzielen konnten, sich nun einen zu holen. Es werden also viele darum kämpfen. Wenn es eine frühe Ausreißergruppe gibt, wird Matthews mit Sicherheit dabei sein – und Cavendish wird folgen müssen. Es wird spannend werden.

Wir werden nie erfahren, wie der Kampf um das Grüne Trikot ausgegangen wäre, wenn der australische Sprinter Caleb Ewan von Lotto-Soudal oder der siebenfache Gewinner des Grünen Trikots Peter Sagan im Rennen geblieben wären. Beide mussten aufgeben, weil sie auf der 3. Etappe in den gleichen Sturz verwickelt waren.

Peter Sagan
Sagan crosses the finish line during the 5th stage of the Tour. © Profimedia

Ewan brach sich das Schlüsselbein und verließ die Tour sofort. Sagan fiel nach der 11. Etappe aus, als sich die Wunde entzündete und eine Entzündung des Gelenks verursachte. Er hat sich einer Operation am Knie unterzogen und wird auch nicht am Straßenrennen der Olympischen Sommerspiele in Tokio teilnehmen können. Wäre er nicht gestürzt, wäre Cavendish wahrscheinlich nicht kurz davor, Merckx‘ Rekord zu brechen, denn Ewan war in hervorragender Form und hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er einer der schnellsten Fahrer der Welt ist. Die Zwischensprints, bei denen Sagan glänzt und Matthews in diesem Jahr die meisten Punkte geholt hat, wären ebenfalls umkämpfter gewesen, und der Ausgang des Rennens um das Grüne Trikot vielleicht noch fraglich.

Aber das sollte nicht von Cavendishs Leistungen ablenken. Mit 36 Jahren zurückzukommen und so Unglaubliches zu erreichen, wie er es bei dieser schnellen und brutalen Tour de France gemacht hat, lässt ihn wahrscheinlich zur Legende werden.