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Der Frauenradsport wächst heran – und wird dabei immer jünger

Von Megan Flottorp

Über weite Teile seiner Geschichte war der Frauenradsport ein Sport der Spätstarterinnen. Das lag nicht unbedingt daran, dass Frauen ihren physiologischen Leistungshöhepunkt später als Männer erreichten. Vielmehr fehlten ihnen lange Zeit die Möglichkeiten, schon in jungen Jahren Profisportlerinnen zu werden. Sie studierten, arbeiteten, fuhren Rennen nebenberuflich oder bauten sich zunächst Karrieren in anderen Disziplinen auf, bevor sie schließlich ihren Platz im Peloton fanden.

Demi Vollering arbeitete beispielsweise in einer Gärtnerei, bevor sie sich ganz dem Radsport widmete. Elise Chabbey brachte Rennsport und Medizinstudium unter einen Hut, Pauline Ferrand-Prévot dominierte jahrelang den Mountainbike-Sport, bevor sie auf die Straße zurückkehrte. Und Annemiek van Vleuten begann erst während ihres Studiums ernsthaft mit dem Radsport.

Diese Geschichten wurden oft als charmante Beispiele für Durchhaltevermögen und die Vielseitigkeit einiger der beliebtesten Fahrerinnen des Sports erzählt. Tatsächlich spiegelten sie jedoch eine viel einfachere Realität wider: Der Frauenradsport war noch kein Sport, in dem eine talentierte 17-Jährige realistisch davon ausgehen konnte, Profi zu werden. Selbst auf WorldTour-Niveau waren viele Fahrerinnen gezwungen, einem zweiten Beruf nachzugehen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.

Auch wenn das für viele Fahrerinnen noch immer Realität ist, verändert sich die Situation zunehmend. Die Bezahlung verbessert sich, die Unterstützung wächst und für junge Talente, die eine Karriere im Profiradsport anstreben, gibt es heute deutlich klarere Entwicklungsmöglichkeiten. Kaum irgendwo wird dieser Wandel so sichtbar wie im Peloton der diesjährigen Tour de France Femmes avec Zwift.

Das Zeitalter der jungen Profis

Im Männerradsport werden Wunderkinder seit Jahrzehnten gefeiert – Fahrer, die Monumente gewinnen, bevor sie in manchen Ländern überhaupt ein Auto mieten dürfen. Im Frauenradsport verlief diese Entwicklung deutlich später.

Es gab weniger Profiteams, geringere Gehälter und je nach Land sehr unterschiedliche Nachwuchsstrukturen. Selbst außergewöhnlich talentierte Fahrerinnen brauchten häufig einen zweiten Beruf – oder sogar eine andere Sportart – um ihre Ambitionen finanzieren zu können.

Heute wachsen junge Fahrerinnen in einem völlig anderen Umfeld auf. Viele durchlaufen gezielte Nachwuchsprogramme, bestreiten bereits im Teenageralter internationale Rennen, arbeiten mit Ernährungsberaterinnen und Sportpsycholog*innen zusammen, lernen früh, Leistungsdaten auszuwerten, und werden lange vor dem Schulabschluss von WorldTeams beobachtet.

Die Frage lautet heute nicht mehr, ob ein außergewöhnlich talentierter Teenager Profi werden kann. Immer häufiger ist genau das die Erwartung – unterstützt von einem professionellen Umfeld, das diesen Schritt überhaupt erst möglich macht.

Die Saison 2026 macht den Wandel unübersehbar

Die Saison 2026 hat eindrucksvoll gezeigt, dass junge Fahrer*innen nicht mehr nur an die Tür der WorldTour klopfen. Sie sind längst angekommen und prägen den Rennverlauf entscheidend.

Die Saison von Cat Ferguson (20, Movistar Team) zeigt gleichermaßen die Chancen und die Verletzlichkeit dieser neuen Generation. Die Britin gewann zu Jahresbeginn die Trofeo Palma Femina, eine Etappe der Setmana Valenciana sowie die Navarra Women’s Elite Classic und etablierte sich damit als eines der größten Nachwuchstalente des Sports. Ein schwerer Sturz beim Giro d’Italia Women mit beidseitigen Knöchelbrüchen beendete jedoch ihre Saison und verhinderte ihr Debüt bei der Tour de France Femmes.

Dass ihre Abwesenheit so intensiv diskutiert wird, spricht für sich. Noch vor wenigen Jahren wäre es völlig normal gewesen, wenn eine 20-Jährige ihre erste Tour verpasst hätte. Heute fühlt es sich an, als fehle dem Rennen eine seiner wichtigsten Protagonistinnen.

Auch Zoe Bäckstedt (21, Canyon//SRAM) setzt ihren nahtlosen Übergang vom Junioren-Phänomen zur Fahrerin fort, die die größten Rennen entscheidend beeinflussen kann. Canyon//SRAM schenkt ihr zunehmend Führungsverantwortung bei den wichtigsten Klassikern – ein klares Zeichen dafür, wie groß das Vertrauen der Teams inzwischen selbst in Fahrerinnen ist, die gerade erst die U23-Kategorie hinter sich gelassen haben.

Hinzu kommt der beeindruckende Aufstieg von Paula Blasi (23, UAE Team ADQ). Noch vor zwei Jahren war sie außerhalb Spaniens nahezu unbekannt, nachdem sie vom Laufen und Triathlon zum Radsport gewechselt war. In dieser Saison gewann sie die Gesamtwertung der La Vuelta Femenina, triumphierte beim Amstel Gold Race, kletterte auf Rang zwei der UCI-Weltrangliste und startet nun bei ihrer ersten Tour de France Femmes. Dort betont sie zwar, ihre Teamkolleginnen unterstützen zu wollen, statt selbst auf Gelb zu fahren. Ob das bis zur letzten Rennwoche Bestand hat, bleibt abzuwarten. Ihr Werdegang zeigt jedenfalls, wie schnell außergewöhnliche Talente heute erkannt und gezielt gefördert werden können.

Auch die französische Bergfahrerin Marion Bunel (21, Visma–Lease a Bike) bestätigt weiterhin die hohen Erwartungen an ihre Entwicklung und gilt inzwischen als eine der spannendsten Fahrerinnen für Rundfahrten.

Puck Pieterse (24, Fenix–Premier Tech) bildet gewissermaßen die Brücke zwischen zwei Generationen. Wie einst Pauline Ferrand-Prévot kam sie aus dem Mountainbike- und Cyclocross-Sport. Im Unterschied zu vielen ihrer Vorgängerinnen konnte sie ihre Straßenkarriere jedoch in einem deutlich professionelleren Umfeld aufbauen. Statt sich dauerhaft auf eine Disziplin festlegen zu müssen, zeigt sie, dass moderne Fahrerinnen mehrere Disziplinen erfolgreich kombinieren und dennoch zu ernsthaften Grand-Tour-Anwärterinnen werden können.

Ein Sport, der Talente endlich gezielt entwickelt

Zusammengenommen stehen diese Beispiele für einen tiefgreifenden Wandel im Frauenradsport. Gleichzeitig zeigen sie, dass Professionalisierung weit mehr bedeutet als höhere Budgets oder mehr Fernsehübertragungen.

Vor allem die Infrastruktur hat jungen Athletinnen erstmals einen realistischen Karriereweg eröffnet. Frauenteams investieren heute gezielt in die langfristige Entwicklung ihrer Fahrerinnen, statt darauf zu hoffen, dass außergewöhnliche Talente irgendwann von selbst auftauchen. Nationale Radsportverbände haben ihre Nachwuchsprogramme ausgebaut, und auch die Zahl der Trainerinnen und Leistungsexpertinnen ist gewachsen. Sportwissenschaft, Ernährungsberatung und Regeneration gehören heute zunehmend zum Standard statt zur Ausnahme.

Julie Bego (Team Cofidis) verkörpert diesen Wandel ebenfalls eindrucksvoll. Die heute 21-jährige Französin wurde bereits als Juniorin Weltmeisterin, bevor sie über einen strukturierten Entwicklungsweg den Sprung in die WorldTour schaffte – ein Karriereverlauf, der vor zehn Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Statt Studium und Rennsport parallel bewältigen oder jahrelang auf ihre Chance warten zu müssen, entwickelte sie sich über die Nachwuchskategorien weiter, sammelte unter anderem bei der Tour de l’Avenir Femmes wertvolle Erfahrung und startet nun als eines der größten Nachwuchstalente bei der Tour de France Femmes. Ihr Werdegang zeigt, wie ein strukturierteres Fördersystem außergewöhnliche Talente heute deutlich früher erkennt, unterstützt und erfolgreich ins Profipeloton integriert.

Gleichzeitig erinnert sie an einen weiteren wichtigen Effekt dieses Wandels: Junge Fahrerinnen wachsen heute mit sichtbaren Vorbildern auf. Ein 14-jähriges Mädchen kann die Tour de France Femmes jeden Sommer verfolgen und sich realistisch vorstellen, eines Tages selbst dort zu starten. Noch vor zehn Jahren war diese Vorstellung deutlich schwerer greifbar.

Es geht um mehr als nur jüngere Fahrerinnen

Über Jahrzehnte fehlte dem Frauenradsport die Infrastruktur, um talentierte Jugendliche konsequent zu entdecken und zu fördern. Die heutige Generation profitiert von besserem Coaching, professionellen Nachwuchsprogrammen, Vollzeitverträgen, Sportwissenschaft und finanzieller Stabilität – Voraussetzungen, die vielen der größten Fahrerinnen früher schlicht nicht zur Verfügung standen. Diese Fortschritte wurden hart erarbeitet und haben das Berufsbild einer Profi-Radsportlerin grundlegend verändert.

Gleichzeitig verändert die frühere Professionalisierung zwangsläufig auch den Weg zur Spitzensportlerin. Junge Fahrer*innen kommen heute bereits in die WorldTour, während ihre Leistungsdaten schon genau analysiert werden, die Erwartungen durch soziale Medien geprägt sind und Verträge unterschrieben werden, noch bevor sie wirklich die Chance hatten, herauszufinden, wer sie außerhalb des Radsports sind. Dieser Druck ist keineswegs auf den Radsport beschränkt – er gehört inzwischen in vielen Profisportarten zum Alltag. Dennoch markiert er einen tiefgreifenden kulturellen Wandel in einer Disziplin, in der viele Fahrerinnen früher erst nach dem Studium, einer anderen beruflichen Laufbahn oder sogar nach einer Karriere in einer anderen Sportart ins Profipeloton fanden.

Diese ungewöhnlichen Karrierewege sorgten für eine bemerkenswerte Vielfalt an Erfahrungen im Peloton. Fahrerinnen wie Annemiek van Vleuten, Demi Vollering oder Elise Chabbey gelangten auf sehr unterschiedlichen Wegen an die Weltspitze – nicht, weil sie ihre Karriere bewusst hinauszögern wollten, sondern weil ihnen der Sport lange kaum andere Möglichkeiten bot. Kaum jemand wird sich diese Zeiten zurückwünschen. Dennoch lohnt es sich anzuerkennen, dass der heute strukturierte Entwicklungsweg zwangsläufig einen anderen Typ Profi hervorbringen wird.

Wenn die diesjährige Tour de France Femmes avec Zwift eines zeigt, dann dies: Der Frauenradsport befindet sich mitten in diesem Wandel. Zu den Favoritinnen zählen weiterhin etablierte Namen wie Demi Vollering, Pauline Ferrand-Prévot, Anna van der Breggen und Titelverteidigerin Katarzyna Niewiadoma-Phinney. Direkt dahinter steht jedoch eine Generation, die den Frauenradsport nie als Nebenerwerb kennengelernt hat. Fahrerinnen im späten Teenageralter oder Anfang zwanzig sammeln heute nicht mehr nur Erfahrung. Von ihnen wird erwartet, Rennen mitzugestalten, ihre Kapitäninnen in den entscheidenden Momenten zu unterstützen – und zunehmend selbst Führungsrollen zu übernehmen.

Vielleicht ist genau das das deutlichste Zeichen dafür, wie weit sich der Frauenradsport entwickelt hat. Nicht, dass seine Stars immer jünger werden, sondern dass talentierte junge Frauen heute nicht mehr jahrelang auf die Chance warten müssen, selbst zu diesen Stars zu werden.