Die Liste der Helden war lang:
- Tadej Pogačar
- Isaac del Toro
- Mads Pedersen
- Richard Carapaz
- Paul Seixas
- Mathieu van der Poel
- Sepp Kuss
- Lenny Martinez
Dazu kamen all die Fahrer, die mit schwindenden Chancen auf einen Etappensieg immer wieder in Ausreißergruppen sprangen und die letzten Tage des Rennens prägten.
Ein Finale wie aus einem Thriller
Ein passenderes Ende für diese außergewöhnliche Tour hätte es kaum geben können.
Die Schlussetappe war verkürzt worden, weil französische Sicherheitskräfte bei der Bekämpfung der Waldbrände rund um Bordeaux benötigt wurden.
Dadurch fand die gesamte Etappe in Paris statt.
Das spektakuläre Finale führte durch Montmartre und über die Champs-Élysées.
Es wirkte, als hätte Dan Brown das Drehbuch geschrieben und Alfred Hitchcock Regie geführt.
Elf Kilometer vor dem Ziel fuhren zwei der größten Radsportler aller Zeiten gemeinsam an der Basilika Sacré-Cœur vorbei:
Tadej Pogačar und Mathieu van der Poel.
Hinter ihnen jagte eine Gruppe aus Sprintern und ihren Helfern.
Alle wollten diesen prestigeträchtigen Sieg.
500 Meter vor dem Ziel waren die Verfolger beinahe herangekommen.
Dann schaltete van der Poel innerhalb eines Augenblicks noch einmal einen Gang höher.
Er schoss in Richtung Ziellinie.
Pogačar, nach drei extrem anstrengenden Wochen vermutlich endgültig erschöpft, konnte nicht mehr folgen.
Van der Poel rettete seinen Vorsprung knapp ins Ziel und brach anschließend völlig entkräftet zusammen.
Und ehrlich gesagt:
Mir ging es ähnlich.
Was für ein Rennen.
Die schnellste Tour aller Zeiten
Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen:
Diese Tour mit insgesamt 54.450 Höhenmetern und einer extremen Hitzewelle war zugleich die schnellste Tour de France aller Zeiten.
Pogačars Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 43,227 km/h.
Auch die schnellste Etappe der Tour-Geschichte wurde 2026 gefahren.
Auf der elften Etappe lag das Durchschnittstempo bei 50,91 km/h.
Beeindruckend ist dafür eigentlich ein zu schwaches Wort.
Unglaublich, aber wahr: Pogačar hätte noch besser sein können
Dass Tadej Pogačar seine fünfte Tour de France gewinnen würde, war ungefähr so überraschend wie der Sonnenaufgang.
So groß ist seine Überlegenheit gegenüber der Konkurrenz.
Sein Vorsprung von 6:26 Minuten auf Remco Evenepoel fiel deshalb fast ein wenig enttäuschend aus.
Er hätte deutlich größer sein können.
Auch mehr als fünf Etappensiege wären wahrscheinlich möglich gewesen, wenn Pogačar auf den Etappen 15 und 20 nicht als Helfer für Isaac del Toro gefahren wäre.
Auf der 15. Etappe versuchte er, den müder werdenden Mexikaner bis zum Gipfel des Plateau de Solaison zu begleiten.
Doch del Toro hatte keine Kraft mehr.
Als Evenepoel an ihm vorbeizog, blieb Pogačar bis zur Ziellinie an dessen Hinterrad, ohne ernsthaft um den Sieg zu sprinten.
Auf der 20. Etappe arbeitete er erneut für del Toro.
Diesmal sollte Paul Seixas daran gehindert werden, den jungen Mexikaner vom Podium zu verdrängen.
UAE Team Emirates–XRG setzte die Strategie perfekt um.
Doch Seixas brach rund 33 Kilometer vor dem Ziel ein.
Damit hätte Pogačar eigentlich noch genügend Zeit gehabt, Richard Carapaz einzuholen und um den Etappensieg zu kämpfen.
Warum tat er es nicht?
Wollte UAE die Dominanz bewusst begrenzen?
Vielleicht spielten die ständigen Diskussionen über Pogačars Dominanz eine Rolle.
Immer wieder war zu hören, dass sie dem Sport die Spannung nehme und anderen Fahrern sowie Teams kaum Erfolgserlebnisse lasse.
Aus Sicht der Mannschaft wäre eine solche Überlegung nachvollziehbar.
Wie jeder Profisport ist auch der Radsport ein Geschäft.
Und die Tour de France ist ein sehr großes Geschäft.
Ein Blick auf die Sponsoren von UAE Team Emirates–XRG genügt.
Dazu gehören unter anderem:
- Emirates Airline
- XRG, der Investmentbereich eines staatlichen Ölkonzerns aus Abu Dhabi
- die virtuelle Radsportplattform MyWhoosh
- das emiratische KI- und Cloud-Computing-Unternehmen G42
Vielleicht fürchtete jemand, dass die Wahrnehmung einer erdrückenden Dominanz der Marke schaden könnte.
Carapaz und Kuss sind beliebte Fahrer.
Ihnen einen möglichen Sieg auf Alpe d’Huez zu nehmen, nachdem Pogačar bereits am Vortag dort gewonnen hatte, hätte arrogant wirken können.
Zumal er offenbar auch die Schlussetappe gewinnen wollte.
Das ist natürlich nur ein Gedanke.
Doch rein sportlich hätte Pogačar bei dieser Tour vermutlich acht Etappen gewinnen können.
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an
Ist sechs die magische Zahl?
Pogačars fünfter Tour-Sieg führt zwangsläufig zur nächsten Frage:
Wird er versuchen, auch ein sechstes Mal zu gewinnen und sich damit endgültig zum erfolgreichsten Tour-Fahrer aller Zeiten zu machen?
Über den Rekord hat er bislang nie besonders konkret gesprochen.
Nach der 20. Etappe deutete er allerdings an, dass seine Karriere vielleicht früher enden könnte, als viele erwarten.
„Ich glaube nicht, dass ich das noch sehr lange machen werde“, sagte er, nachdem er gemeinsam mit del Toro die Ziellinie überquert hatte.
Diese Aussage wird künftig nicht mehr ausreichen.
Die Frage nach dem sechsten Sieg dürfte ihm nun immer wieder gestellt werden.
Machen sich Pogačar und UAE vielleicht Gedanken darüber, dass ein neuer Rekord als respektlos gegenüber den bisherigen Legenden gelten könnte?
Das wäre absurd.
Irgendwann wird jemand diesen Rekord brechen.
Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Induráin versuchten selbst, ein sechstes Mal zu gewinnen.
Alle scheiterten.
Merckx bekanntermaßen auch deshalb, weil er während der Tour von einem Zuschauer geschlagen wurde.
Pogačar sollte es versuchen.
Und warum eigentlich nicht auch ein siebtes Mal?
Er ist schließlich erst 27 Jahre alt.
Nur besonders rückwärtsgewandte Radsportfans könnten eine solche Leistung nicht außergewöhnlich finden.
Der Triumph von Paul Seixas
Paul Seixas war nach der 20. Etappe enttäuscht.
Er und sein Team Decathlon CMA CGM hatten eine nahezu perfekte Strategie entwickelt, um Isaac del Toro vom dritten Platz zu verdrängen.
Am vorletzten Anstieg, dem Col de la Sarelle mit 12,8 Kilometern und durchschnittlich 7,3 Prozent Steigung, warteten Nicolas Prodhomme und Matthew Riccitello bereits vor ihm.
Sie sollten ihn den Berg hinaufziehen.
Doch dann kam der Einbruch.
„Ich bin eingebrochen. So ist es eben“, sagte Seixas. „Ich wollte so tief gehen wie möglich. Aber irgendwann war ich an meinem Limit und bin explodiert. Ich hatte gehofft, stärker als sonst zu sein.“
Jeder Sportlerin oder Künstler*in, der oder die einmal nach den Sternen gegriffen und dabei die Schwerkraft gespürt hat, kann diese Enttäuschung nachvollziehen.
Doch Seixas hat sich nichts vorzuwerfen.
Im Gegenteil.
Bei seiner ersten dreiwöchigen Rundfahrt mit 19 Jahren Vierter der Tour de France zu werden, ist außergewöhnlich.
Im nächsten Jahr dürfte er noch stärker sein.
Für ihn scheint tatsächlich alles möglich.
Er wollte nicht nur bemerkenswert sein
Bemerkenswert ist auch, dass Seixas seinen vierten Platz nicht einfach als sensationelles Ergebnis akzeptierte.
Er riskierte ihn, um das Podium anzugreifen.
Dafür verdienen er und sein Team Respekt.
Sie wollten sich nicht mit etwas Außergewöhnlichem zufriedengeben.
Sie wollten etwas beinahe Überirdisches.
„Für mich war es Platz drei oder nichts. Heute ist es für mich deshalb nichts“, sagte Seixas zunächst.
Dann schien ihm langsam bewusst zu werden, dass er bei seinem ersten Versuch gerade Vierter der Tour de France geworden war.
„In ein paar Tagen, mit etwas Abstand, werde ich wahrscheinlich stolz sein.“
Teammanager Julien Jurdie gegenüber Reportern:
„Vor drei Wochen in Barcelona hätten wir uns kaum vorstellen können, dass Paul bei seiner ersten Grand Tour und ausgerechnet bei der Tour de France unter die besten fünf fährt. Besonders beeindruckend war, wie hart er über die gesamten drei Wochen gekämpft hat. Mit der Hitze in der ersten Hälfte und dem konstant hohen Tempo ist seine Leistung unglaublich. Mental ist er ein Monster. Er ist ein echter Champion.“
Ich habe einen Besen gefressen
Ich habe einen alten Besen in Butter und Knoblauch angebraten und ihn mit Pommes, einem kleinen Salat und einem ausgezeichneten Bordeaux gegessen.
Denn ich hatte an Remco Evenepoels Fähigkeiten im Hochgebirge gezweifelt.
Ich nehme alles zurück.
Zumindest teilweise.
Bravo an Evenepoel und Red Bull–BORA–hansgrohe für ihre ungewöhnliche Vorbereitung.
In den beiden Monaten vor der Tour bestritt er kein einziges Rennen.
Er trainierte ausschließlich.
Offenbar ging der Plan auf.
Zu Beginn der Tour hatte Evenepoel an den längeren Anstiegen noch Schwierigkeiten.
Doch pünktlich zur 15. Etappe fand er seine innere Bergziege.
Am Plateau de Solaison schlug er Pogačar im direkten Duell.
Auch auf der zweiten Bergankunft in Alpe d’Huez fuhr er stark und belegte Rang zwei.
Aber welcher Evenepoel ist der echte?
Moment mal.
Auf beiden Etappen fuhr Pogačar als Helfer für del Toro.
Er schien selbst nicht unbedingt gewinnen zu wollen.
Beim ersten Anstieg nach Alpe d’Huez, als Pogačar tatsächlich auf Sieg fuhr, konnte Evenepoel nicht folgen.
Er verlor 2:29 Minuten auf den inzwischen fünfmaligen Tour-Sieger.
Also:
Welcher Evenepoel ist der echte?
Wie gut ist er im Hochgebirge wirklich?
Und wie groß war sein Fortschritt?
Nach Vingegaards Ausfall war er eindeutig der zweitbeste Kletterer des Rennens.
Aber das war er vermutlich auch vorher schon.
Als Vingegaard ausschied, lag der Däne 34 Sekunden vor Evenepoel.
Die schwersten Anstiege standen zu diesem Zeitpunkt noch bevor.
Vielleicht habe ich den Besen also doch etwas zu früh gefressen.
Inzwischen hätte ich ihn jedenfalls gerne zurück.
Die wichtigsten Erkenntnisse der Tour de France 2026
- Pogačar hätte vermutlich noch deutlicher gewinnen können.
- Ein sechster Tour-Sieg ist sportlich absolut realistisch.
- Paul Seixas gehört zu den größten Talenten seiner Generation.
- Evenepoel hat sich am Berg verbessert, doch das genaue Ausmaß bleibt offen.
- Mads Pedersen und Richard Carapaz prägten die Schlusswoche.
- Die Streckenführung sorgte trotz früher Entscheidung um Gelb für große Spannung.
- Das Pariser Finale gehörte zu den spektakulärsten Schlussetappen der Tour-Geschichte.