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Klimawandel könnte den Radsportkalender grundlegend verändern

Von Siegfried Mortkowitz

Temperaturen von bis zu 40 Grad machen die Tour de France für die Fahrer zur zusätzlichen Belastungsprobe. Im Profiradsport wächst deshalb der Druck, Etappen früher zu starten und langfristig sogar den Rennkalender neu zu ordnen.

 

Extreme Hitze bei der Tour de France

In weiten Teilen Europas ist es derzeit heiß, doch auf den Straßen der diesjährigen Tour de France sind die Bedingungen besonders extrem. Auf einigen der ersten Etappen stiegen die Temperaturen auf mehr als 40 Grad Celsius. Auch an den meisten anderen Tagen wurden Werte von mindestens 35 Grad erreicht.

Schon bei einem gewöhnlichen Rennen wären solche Bedingungen eine enorme Herausforderung. Doch diese Tour ist alles andere als gewöhnlich. Sie verläuft chaotisch, dramatisch und extrem schnell. Dazu kommen zahlreiche Anstiege. Bis zur Ankunft in Paris sammeln die Fahrer insgesamt 54.450 Höhenmeter.

In den vergangenen Tagen galten für weite Teile Zentralfrankreichs rote Hitzewarnungen. Als Reaktion darauf wurde die 9. Etappe um 30 Kilometer verkürzt. Zudem lockerten die Organisatoren die Verpflegungsregeln, damit die Fahrer häufiger Getränke und Eis aufnehmen konnten.

Zufrieden waren sie trotzdem nicht. Ganz im Gegenteil.

„Es ist eine sehr harte Tour de France. Ich kann mich spontan an keine schwerere Austragung erinnern“, sagte Matteo Jorgenson von Visma–Lease a Bike gegenüber der niederländischen Website In de Leiderstrui.

„Es ist auf jeden Fall die heißeste. Die Hitze wirkt sich sehr negativ auf mich aus. Ich war schon immer eher ein Fahrer für kühles Wetter. Damit umzugehen, ist eine Herausforderung. Auf den letzten Etappen lief es allerdings etwas besser, und ich konnte ein wenig Energie sparen. Ich musste nicht mehr ganz so tief gehen. Das ist mit Blick auf die zweite und dritte Woche ein gutes Zeichen.“

Auch Tom Pidcock vom Team Pinarello Q36.5 schilderte nach der 3. Etappe, wie sehr die Hitze das Rennen prägte.

„Das eigentliche Thema ist doch, wie unfassbar heiß es den ganzen Tag war. Ich glaube nicht, dass ich jemals zuvor bei solchen Temperaturen ein so hartes Rennen gefahren bin. Es war völlig verrückt. Es fühlte sich an wie in einem Kriegsgebiet.“

Der Flüssigkeitsverbrauch im Peloton war entsprechend hoch.

„Ich glaube, wir haben heute als Feld ungefähr 10.000 Trinkflaschen verbraucht. Im Finale hatte ich einfach nichts mehr. Ich war ziemlich durch. Das war wirklich ein harter Tag.“

Schon vor dem Start sei die Hitze kaum auszuhalten gewesen, erzählte er L’Équipe.

„Als ich aus dem Bus zur Einschreibung gegangen bin, war es wie beim Öffnen eines Backofens. Die Hitze schlägt einem direkt ins Gesicht.“

Auch Pogačar fordert Veränderungen

Selbst Tadej Pogačar von UAE Team Emirates–XRG, der sich normalerweise nur selten aus der Ruhe bringen lässt, bekommt die Hitze zu spüren.

Nach der 9. Etappe, bei der die Temperaturen Berichten zufolge 38 Grad erreichten, hatte auch er genug.

„Hätte ich die Macht dazu, würde ich den gesamten Rennkalender ändern und im Juli und August keine Rennen mehr an heißen Orten austragen“, sagte er. „Ich würde den Kalender komplett anders gestalten. Aber das liegt leider nicht in meiner Hand.“

Der Gesamtführende brachte zudem frühere Startzeiten ins Gespräch.

„Vielleicht wäre der nächste Schritt, die Etappen früher zu beginnen. Gestern gab es den Vorschlag, um 10 Uhr zu starten. Aber das ändert nichts, weil man dann trotzdem in der größten Hitze ins Ziel kommt.“

Für Pogačar müsste der Start deutlich weiter nach vorne verlegt werden.

„Man müsste um acht oder neun Uhr starten, vielleicht sogar noch früher. Das ist natürlich nicht besonders angenehm. Aber ich denke, der Körper kann sich daran gewöhnen, um fünf Uhr morgens aufzustehen und um acht Uhr eine Etappe zu fahren.“

Selbst der sonst so gelassene Tadej Pogačar (UAE Team Emirates–XRG) bekommt die extreme Hitze zu spüren. © Profimedia

Hitzewellen werden häufiger und intensiver

In den vergangenen zwei bis drei Jahren wurden zahlreiche Rennen von extremen Temperaturen beeinträchtigt. Zuvor kam das deutlich seltener vor.

Gleichzeitig treten Hitzewellen immer häufiger auf und fallen intensiver aus. Für viele Klimaforschende, aber auch aus meiner Sicht, deutet vieles darauf hin, dass der Klimawandel dafür verantwortlich ist. Solche Bedingungen könnten im Radsport künftig zur neuen Normalität werden.

Liegt die Ursache tatsächlich im Klimawandel, wäre die beste Lösung natürlich, konsequent gegenzusteuern und die Erderwärmung zu bremsen.

Welche Maßnahmen dafür notwendig wären, wurde bereits ausführlich beschrieben. Sowohl Einzelpersonen als auch vor allem Regierungen müssten ihren Beitrag leisten.

Viele Menschen versuchen inzwischen, ihren persönlichen CO₂-Ausstoß zu senken. Zahlreiche Regierungen handeln jedoch weiterhin zu zögerlich oder gar nicht. Offenbar scheuen sie davor zurück, Unternehmen zu verärgern, die befürchten, dass Klimaschutzmaßnahmen ihre Gewinne schmälern könnten.

Frühere Starts bereits im Gespräch

Das ist die langfristige Perspektive. Kurzfristig stehen im Radsport andere Lösungen im Mittelpunkt.

Wie von Pogačar angedeutet, führt die Profifahrergewerkschaft Cyclistes Professionnels Associés, kurz CPA, bereits Gespräche mit den Organisatoren der Tour de France. Dabei geht es darum, ausgewählte Etappen künftig früher am Morgen zu starten.

CPA-Vertreter Staf Scheirlinckx bestätigte, dass der Vorschlag ernsthaft geprüft werde.

„Diese Idee ist inzwischen kein Tabu mehr“, sagte er gegenüber WielerFlits. „Wir sprechen allerdings über das kommende Jahr. Bei der aktuellen Austragung wäre eine solche Änderung logistisch nahezu unmöglich.“

Ein generell früherer Start aller Tour-Etappen gilt dennoch als unwahrscheinlich.

Stattdessen wird über eine gezielte Lösung nachgedacht. Demnach könnten nur Etappen in Regionen vorgezogen werden, die für extreme Hitze bekannt sind. Dazu gehören beispielsweise das Département Cantal und die Gegend rund um Carcassonne.

Zusätzlich wird ein Protokoll diskutiert, das es den Organisatoren ermöglichen soll, bei unerwartet hohen Temperaturen kurzfristig zu reagieren. Das würde auch für Regionen gelten, die normalerweise nicht zu den klassischen Hitzegebieten zählen.

Gesundheit der Fahrer rückt in den Fokus

Dass diese Option überhaupt ernsthaft geprüft wird, bezeichnet Scheirlinckx als Durchbruch.

Die Entscheidung liegt allerdings nicht bei einer einzelnen Partei. Fahrer, Teams, Veranstalter und der Radsportweltverband UCI müssten gemeinsam zustimmen. Entsprechend langwierig kann der Prozess sein.

Geht es um die Gesundheit der Fahrer, werde jedoch meist relativ schnell gehandelt.

„Ich glaube nicht, dass irgendjemand in zehn Jahren dafür verantwortlich sein möchte, dass die Hälfte des Pelotons unter Lungenproblemen leidet, weil die Fahrer ihre Gesundheit bei Rennen in extremer Hitze ruiniert haben“, sagte Scheirlinckx.

Muss der Grand-Tour-Kalender neu geordnet werden?

Auf der 10. Etappe, die Pogačar gewann, erreichten die Temperaturen maximal 31 Grad Celsius.

Das ist immer noch heiß, aber zumindest eine Verbesserung gegenüber den vorangegangenen Renntagen.

Bleibt zu hoffen, dass sich das Wetter weiter abkühlt. Dann müssten die Fahrer der Tour de France wenigstens nur noch gegen die Berge und ihre Konkurrenten kämpfen.

Langfristig wird der Radsportweltverband jedoch kaum um Veränderungen herumkommen, sofern sich die Wetterentwicklung nicht grundlegend ändert.

Möglicherweise muss der Grand-Tour-Kalender eines Tages so angepasst werden, dass die heißesten Sommermonate weitgehend gemieden werden.

Eintagesrennen könnten womöglich weiterhin bei höheren Temperaturen stattfinden. Dreiwöchige Rundfahrten hingegen könnten in klimatisch angenehmere Monate verlegt werden.