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Leihfahrräder: Schneller als öffentliche Verkehrsmittel?

Von Jiri Kaloc

Ist es möglich, mit einem schweren, klobigen Sharing-Bike schneller zu sein als mit Bus oder Straßenbahn?
Aus meiner Erfahrung als jemand, der im erweiterten Zentrum von Prag lebt, lautet die Antwort ganz klar: Ja

Im Folgenden teile ich ein paar Beispiele aus dem Alltag – und erkläre, warum du in vielen Städten ähnliche Erfahrungen machen könntest.


Leihfahrräder vs. öffentlicher Nahverkehr

Bei Strecken unter 20 Minuten können Sharing-Bikes den öffentlichen Verkehr häufig schlagen – oder zumindest mithalten.

Ein paar meiner typischen Wege in Prag:

Ziel Leihfahrrad Straßenbahn
Bahnhof 19 Minuten 21 Minuten
Zahnarzt 13 Minuten 14 Minuten
Kino 12 Minuten 17 Minuten
Boulderhalle 18 Minuten 33 Minuten
Arbeit 22 Minuten 14 Minuten

 

Du denkst vielleicht, ich hätte mir bewusst Ziele ausgesucht, bei denen das Fahrrad besser abschneidet – und ja, das stimmt teilweise.

Aber genau das sind die Orte, die ich im Alltag am häufigsten anfahre. Deshalb greife ich bei kurzen Strecken mittlerweile fast automatisch zum Leihbike. Und überraschend oft ist es tatsächlich die schnellste Option.

Natürlich sieht das bei längeren Fahrten anders aus.
Alles über 30 Minuten Fahrzeit wird auf einem schweren Stadt-Leihbike schnell unkomfortabel. Für längere Strecken gewinnt der öffentliche Verkehr meist klar – sowohl bei Tempo als auch Komfort.

Warum die Tür-zu-Tür-Zeit entscheidend ist

Der größte Vorteil von Leihfahrrädern ist nicht ihre Geschwindigkeit – sondern ihre Tür-zu-Tür-Effizienz.

Beim öffentlichen Verkehr musst du fast immer:

  • zur Haltestelle laufen
  • auf Bus oder Tram warten
  • eventuell umsteigen
  • vom Zielstopp noch einmal laufen

Mit einem Leihbike steigst du auf – und fährst direkt bis ans Ziel.

Damit das funktioniert, braucht eine Stadt allerdings zwei Dinge:

1. Hohe Bike-Dichte

Im erweiterten Zentrum von Prag stehen Leihfahrräder praktisch überall.
Ich habe zwei Stationen weniger als eine Minute von meiner Wohnung entfernt.

Selbst zur Rush Hour habe ich noch nie Probleme gehabt, ein Rad zu finden.

2. Gute Abstellmöglichkeiten

Auch beim Abstellen funktioniert das System gut:
Die Bike-Zonen im Zentrum sind so dicht, dass ich nach der Fahrt selten länger als ein paar Meter laufen muss.

Damit entfällt ein Großteil der Zeit, die sonst für Umstiege und Fußwege draufgeht.

Autos bieten zwar theoretisch denselben Komfort – aber viel Glück dabei, im Berufsverkehr mit Bolt oder Uber durch Prags Zentrum zu kommen.

Ich habe es ausprobiert.
Oft dauert die Fahrt zwei- bis dreimal so lange wie mit der Tram.


Wann der öffentliche Verkehr trotzdem gewinnt

Natürlich sind Sharing-Bikes nicht immer die beste Wahl.

In diesen Situationen greife ich weiterhin lieber zu Bus, Tram oder Metro:

Lange Strecken

Ab etwa 30 Minuten Fahrzeit ist der öffentliche Verkehr fast immer schneller – und deutlich entspannter.

Direkte Verbindungen

Wenn eine direkte Tram oder Buslinie existiert, kann sie selbst bei 15–20 Minuten Strecken schneller sein.

Schlechtes Wetter

Starker Regen oder Schneematsch machen Radfahren schlicht unattraktiv – besonders, wenn du danach komplett mit Schmutz eingesaut bist.

Schweiß-Faktor

Wenn ich nicht verschwitzt ankommen will, lasse ich das Rad ebenfalls stehen.
Deshalb fahre ich nur selten mit dem Bike zur Arbeit.

Der Heimweg ist allerdings eine andere Geschichte – besonders nach stressigen Meetings.

Sicherheitsbedenken

Die Rad-Infrastruktur in Prag ist noch weit von ideal entfernt.

Viele Radwege sind nur durch eine aufgemalte Linie von Autos getrennt – oder es gibt gar keine. Für weniger erfahrene Radsportler*innen kann sich das schnell unsicher anfühlen.

Solange Städte ihre Radinfrastruktur nicht verbessern, werden viele Menschen verständlicherweise beim öffentlichen Verkehr bleiben.


Wie Leihfahrräder dein Stadtleben verändern

Als Radsportler bin ich ohnehin viel auf zwei Rädern unterwegs – allerdings meist, um aus der Stadt herauszukommen und längere Touren zu fahren.

Sharing-Bikes haben das verändert.

Plötzlich fahre ich deutlich häufiger quer durch die Innenstadt und entdecke neue Wege und Abkürzungen. Ich überlege ständig, wie sich verschiedene Orte schneller verbinden lassen – manchmal auch in Kombination mit der Metro.

Diese Perspektivwechsel sind spannend: Mal bist du zu Fuß unterwegs, mal auf dem Rad, nutzt Bus oder Tram oder sitzt als Mitfahrer*in im Auto.

Wenn du eine Stadt aus all diesen Blickwinkeln erlebst, entwickelst du automatisch ein besseres Verständnis dafür, wie sich andere Menschen durch den urbanen Raum bewegen.

Gleichzeitig lernst du auch, die vorhandene Infrastruktur mehr zu schätzen – selbst wenn man sich als Radfahrer*in natürlich weiterhin breitere, sicherere und besser vernetzte Radwege wünscht.