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Rutschige Wahrheiten: Mit dem Rad durch buntes Herbstlaub – und so tun, als wäre es nicht furchteinflößend

Von Monica Buck

Herbst – die wohl ästhetischste aller Jahreszeiten. Frische Luft. Goldene Bäume. Das befriedigende Knirschen der Reifen über Laub…  

…bis aus dem Knirschen ein Rutschen wird, die goldenen Bäume verschwimmen und du dich fragst:
„War das gerade ein Blatt oder ein Portal in die Unterwelt?“

Willkommen beim Radfahren im Herbst, wo jede Ausfahrt wie eine Postkarte aussieht – bis sie es nicht mehr tut – und dein Hinterrad nur noch ein nasses Ahornblatt vom horizontalen Dasein als Dekoration trennt.

Das ist die Geschichte von saisonaler Schönheit, kollektiver Verleugnung und den Rechnungen, die die Natur ausstellt, wenn sie beschließt, dass du Demut lernen musst.


Die Instagram-Lüge

Du postest es.
Dieses eine Foto. Du eingerahmt von Bäumen, als würdest du im Gravel-Kalender posieren.
Dein Rad lehnt kunstvoll an einem Zaun, die Socken perfekt abgestimmt, der Filter taucht alles in warmes Abendlicht.

Was niemand sieht:

  • Die 12 Minuten, die du gebraucht hast, um dein Rad in diesen Busch zu quetschen.
  • Wie das Hinterrad ausbrach, während du versuchtest, lässig zu wirken.
  • Dass deine Handschuhe nass sind, die Nase läuft und du schon sechsmal „oh nein“ auf nassen Kurven geflüstert hast.

Du lebst eine Lüge. Aber alle anderen auch.


Der Feind liegt überall

Herbstlaub ist wunderschön.
Bis du darüber fährst.

Trocken knirscht es.

Nass schmiedet es Pläne.

Es versteckt Schlaglöcher, tarnt Metallabdeckungen, lauert in Kurven. Mutter Natur sammelt ihre Bananenschalen.

Du näherst dich einer abwärts führenden Kurve, übersät mit Laub, und plötzlich läuft dein gesamtes Leben vor deinem inneren Auge ab – meist, weil dein Vorderrad gerade entschieden hat: Heute nicht, mein Freund.

Du bremst nicht.
Schwebst über den Bremshebeln, als würdest du eine Bombe aus Baumresten entschärfen.


Gruppenausfahrt-Bravado

Jemand wird es sagen:

„Ist nur ein bisschen rutschig, fahr locker.“

Locker?
Du bist 74 Kilo Spannung und Reue auf einem 7-Kilo-Rad.
Du fährst nicht locker. Du fährst wie jemand, der eine überraschende Matheprüfung bestehen will, während man auf Murmeln steht.

Währenddessen geht der unerschrockene Fahrer der Gruppe in jede Laub-Kurve, als hätte er Frieden geschlossen mit allem, was kommen mag.

Sie sagen Dinge wie:

  • „Vertrau den Reifen.“
  • „Es geht ums Gefühl.“
  • „Ich liebe Herbstausfahrten!“

Du sagst nichts. Denn du bist zu beschäftigt, jeden Muskel anzuspannen.


Der unvermeidliche Sturz

Es ist nie dramatisch.
Man stürzt nicht wirklich, sondern verliert langsam den Halt, während man leise „Oh nein, oh nein, oh nein“ flüstert.

Man fällt elegant und beschämt zu Boden.
Feuchte Blätter federn den Sturz etwas ab.
Vor allem aber wird man von dem Gefühl der Würde begleitet, die den Körper verlässt.

Du sitzt da, überprüfst den Schaden:

Am Rad.

Am Ellbogen.

An deinem Ruf.

Jemand hilft dir auf.
Jemand anderes sagt: „Sieht weich aus.“
Du lächelst, nickst und buchst innerlich schon einen Physio-Termin.


Erholung und Neustart der Verleugnung

Du richtest dich wieder auf. Du spülst dein Schaltwerk ab. Schwörst, nächstes Mal vorsichtiger zu sein.

Dann siehst du es: Ein neues Patch aus goldenen Blättern. Ein bisschen Sonne, die durch die Bäume fällt. Eine Kurve, die harmlos aussieht.

Du richtest dein Handy aus, positionierst das Rad, postest es mit der Caption:

🍂 golden hour 🍂

Du bist das Problem.
Und du wirst es nächste Woche wieder tun.